Im Schnitt sind es eineinhalb Meldungen pro Tag. Eineinhalb Meldungen von ungewollten Berührungen, körperlichen Angriffen, Exhibitionismus, beleidigenden Worten oder Gesten. Seit Mai 2021 können solche Vorfälle auf der Onlinemeldeplattform «Zürich schaut hin» vermerkt werden.
«Jugendliche rufen einer jungen Frau ‹Schlampe› nach», «ein Mann fasst einer Frau beim Einsteigen in den Bus an den Po» und «ein Paar redet respektlos über Lesben und Schwule» - dies sind einige Beispiele, die die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) vor den Medien vorliest, als sie Bilanz zum Projekt zieht.
Die Sensibilisierung habe zugenommen dank des Projekts, sagt Corine Mauch. «Wir wollen, dass niemand wegen des Geschlechts oder der Geschlechtsidentität Angst vor Belästigung haben muss.» Eine Umfrage habe gezeigt, dass ein Drittel der Stadtzürcher Bevölkerung die Plattform kenne.
Die meisten Belästigungen passieren mit Worten
2581 selbst erlebte Vorfälle und Beobachtungen sind in den letzten viereinhalb Jahren eingegangen. Nach einem ersten Höchststand gleich nach der Lancierung von über 300 Meldungen pro Monat hat sich die Zahl in der letzten Zeit bei monatlich etwa 30 Meldungen eingependelt. Sobald das Tool in Kampagnen thematisiert werde, stiegen die Zahlen, sagt die Stadtpräsidentin.
Bei den meisten Belästigungen – jährlich knapp 30 Prozent – geht es um Worte. Aber auch ungewollte Berührungen (16 Prozent im Jahr 2025) und Anstarren (18 Prozent 2025) wurden oft als Art der Belästigung angegeben.
Beim Motiv der Belästigung steht das Geschlecht an erster Stelle. 2025 gaben die Betroffenen bei fast der Hälfte der Fälle an, dass sie davon ausgehen, wegen ihres Geschlechts belästigt worden zu sein. Die sexuelle Orientierung platziert sich mit knapp 13 Prozent im Jahr 2025 dahinter.
Die Daten zeigen auch, dass die meisten Belästigungen auf der Strasse und im öffentlichen Verkehr passieren – 2025 war es je knapp ein Drittel. Hier setzte die Stadt Zürich bereits an und organisierte Weiterbildungen für Trampilotinnen und Buschauffeure, damit sie korrekt reagieren können. Auch Gastropersonal wurde geschult, denn in Bars, Restaurants, am Arbeitsplatz sowie an anderen Orten geschah ein weiterer Drittel der gemeldeten Vorfälle.
Während die Hälfte der meldenden Personen Frauen sind (17 Prozent sind Männer, 27 Prozent unbekannt), zeigt sich bei der Täterschaft ein eindeutiges Bild: In über 80 Prozent der Fälle waren Männer die Täter, die die Opfer zudem meist nicht kannten.
Die Stadt Zürich sieht «Zürich schaut hin» als wichtiges Projekt zur Bekämpfung von Sexismus, Homo- und Transfeindlichkeit im öffentlichen Raum. «Das Tool und die Weiterbildungen wirken», sagt Corine Mauch, deshalb wolle man am wichtigen Thema dranbleiben.
Kritik der Bürgerlichen
Das Angebot wird nun fix weitergeführt und in die Arbeit um das Stadtleben im öffentlichen Raum integriert. Als Nächstes seien Massnahmen gegen häusliche Gewalt geplant. Zudem stehen die Plattform und die Kampagne ab März anderen Städten und Kantonen zur Übernahme zur Verfügung.
Kritisiert wird das Tool schon seit seiner Lancierung von bürgerlichen Kreisen. Die FDP schreibt in einer Mitteilung, das Projekt könne keine echten Erfolge vorweisen. Es brauche keine Meldetools, sondern Zivilcourage und entschlossenes Handeln der Polizei.