Beschäftigte in der Pflege und im Bau erleben ihre Arbeit als besonders erfüllend, zeigt eine neue Studie. In der Pflege geben acht von zehn Befragten an, Positives zu bewirken; auch Berufsstolz und Jobsicherheit liegen hoch. Doch die Arbeitsbedingungen, etwa die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, werden kritisch bewertet.
Im Bau prägt die sichtbare Leistung die Zufriedenheit: Drei Viertel sehen am Tagesende konkrete Resultate. Tiefer sind die Werte in Administration und Industrie. 40 Prozent der Befragten beschreiben ihre Arbeit als monoton und wenig sinnstiftend. Der Arbeits- und Organisationspsychologe Achim Elfering ordnet ein.
SRF News: Viele Pflegefachpersonen schildern Stress und Zeitdruck und empfinden ihre Arbeit trotzdem als erfüllend. Wie passt das zusammen?
Achim Elfering: Sie wollen gute Arbeit leisten, das gehört zu ihrem Rollenverständnis. Sie helfen Menschen und freuen sich, wenn es diesen besser geht. Diese unmittelbaren Erfolge führen zu Stolz. Gleichzeitig ist die Arbeit belastend.
Problematisch wird es, wenn Zeit fehlt. Dann schränken sich Pflegende beim Patientenkontakt selbst leicht ein, verzichten auf Pausen, machen Überstunden und erreichen ihre Ziele trotzdem nicht. Das führt zu Unzufriedenheit. Solange Ressourcen wie Teamunterstützung und Handlungsspielraum vorhanden sind, lässt sich die Belastung etwas abfedern. Dann erleben sie Stolz auf ihre Arbeit und Erschöpfung am Abend.
Das direkte Feedback stärkt das Erfolgserleben.
Wie ist es im Baugewerbe?
Auch dort spielt die soziale Dimension eine zentrale Rolle. Die Arbeit ist stark verzahnt, alle sind voneinander abhängig und müssen sich koordinieren. Das schafft Verbindlichkeit. Gleichzeitig sehen die Beschäftigten täglich, was sie erreicht haben. Das direkte Feedback stärkt das Erfolgserleben.
Ist erlebter Sinn in der Arbeit also wichtiger als Lohn?
Das bestätigen viele Studien. Der Lohn spielt eine Rolle, steht aber nicht an erster Stelle. Wichtiger ist die Rückmeldung, dass man gute Arbeit leistet, gebraucht wird und geschätzt ist. Der Lohn muss stimmen, reicht alleine aber nicht aus.
In der Administration empfinden viele die Arbeit als monoton und wenig erfüllend. Lässt sich das ändern?
Menschen erleben Erfüllung, wenn sie ihre Arbeitsziele erreichen. Gestalten lässt sich das auch durch mehr Handlungsspielraum, Mitbestimmung oder bessere Organisation. Leider gibt es noch einen anderen Mechanismus: Man reduziert die eigenen Ansprüche. Das nennt man resignative Arbeitszufriedenheit. Man sagt sich: Die Arbeit ist nicht ideal, aber anderswo auch nicht besser.
Wer im Beruf wenig Erfüllung findet, kann sie auch in anderen Lebensbereichen suchen. Arbeit bleibt aber ein zentraler Faktor.
Bewerten ältere Erwerbstätige ihre Arbeit laut der Studie deshalb als erfüllender als jüngere?
Ältere verfügen meist über mehr Handlungsspielraum und Mitbestimmung im Job. Sie konnten ihre Arbeit über die Jahre stärker selbst gestalten. Jüngere haben diese Möglichkeiten oft noch nicht, besonders am Anfang der Laufbahn. Zudem wirkt bei Älteren der Healthy-Worker-Effekt: Wer unzufrieden ist, hat den Beruf häufig schon verlassen. Bei Jüngeren zeigt sich dieser Effekt weniger.
Muss jede Arbeit erfüllend sein?
Arbeit kann ein wichtiger Weg zu einem erfüllten Leben sein. Man verbringt viel Zeit damit, möchte etwas bewirken und sich weiterentwickeln. Im Idealfall profitieren Arbeitnehmende, Arbeitgeber und die Gesellschaft davon. Gleichzeitig ist Arbeit nicht der einzige Weg. Wer im Beruf wenig Erfüllung findet, kann sie auch in anderen Lebensbereichen suchen. Arbeit bleibt aber ein zentraler Faktor.
Das Gespräch führte Jenny Bargetzi.