Wir machen den Test. Unser Fahrzeug mit dem Aargauer Kennzeichen parkieren wir zwar auf einem ordnungsgemässen Parkplatz in Waldshut-Tiengen (D), doch wir verzichten darauf, die vorgeschriebene Parkgebühr zu bezahlen. Mal sehen, was passiert. Denn die deutsche Kreisstadt Waldshut-Tiengen rühmt sich auf ihrer Website: «Wir gehören zu den Vorreitern in der digitalen Parkraumbewirtschaftung.»
Waldshut ist vielen Schweizerinnen und Schweizern bestens bekannt als Einkaufsort «ennet» der Grenze. Die Gemeinde nimmt an einem Pilotprojekt des Verkehrsministeriums Baden-Württemberg teil. Seit Februar 2026 wird hier auf eine neue Weise überwacht, wo Einkaufstouristinnen und Einheimische parkieren und ob sie sich korrekt verhalten.
Im Mittelpunkt des Projekts steht ein sogenannter Scan-Car, der Parkvorgänge automatisiert anhand des Kennzeichens erfasst. Der Scan-Car sieht ein wenig aus wie das Auto von Google Street View oder wie ein Privatwagen, der anstelle der üblichen Dachbox für Skier einen Aufbau mit zwei montierten Sensoren mit sich führt.
Unterwegs mit dem Scan-Car
Scan-Car-Chauffeur Daniel Duttlinger nimmt uns mit auf eine Tour. «Die beiden Kameras auf dem Dach scannen links und rechts die parkierten Autos», sagt Duttlinger, als er im Schritttempo durchs Quartier fährt. Die Kennzeichen werden erfasst und Verstösse dokumentiert, der Scan-Car erkennt die Falschparkierer automatisch. Das Fahrzeug ist sehr effizient: Rund tausend Autokennzeichen können pro Stunde so erfasst werden.
«Da vorne haben wir schon zwei, die im Halteverbot stehen», sagt Duttlinger. Diese Autos werden registriert, und wenn ein Fahrzeug in der Fussgängerzone oder auf dem Velostreifen steht, könnten die Behörden rasch reagieren und es abschleppen lassen.
Das Ziel sei die Sicherheit, heisst es in Waldshut. Die Scan-Fahrzeuge sollen vor allem Radwege, Busspuren und Trottoirs freihalten. Seit einem Jahr sind solche Fahrzeuge in Baden-Württemberg erlaubt.
Allerdings handelt es sich zurzeit in Waldshut-Tiengen lediglich um ein zeitlich beschränktes Pilotprojekt. Ob der Scan-Car danach dauerhaft zum Einsatz kommt, ist noch offen.
Bald auch in der Schweiz?
Auch Schweizer Städte sind am System interessiert, heisst es auf Anfrage. «Die Kantonspolizei Basel-Stadt verfolgt die Entwicklung solcher Systeme mit Interesse. Konkrete Pläne gibt es jedoch noch nicht», heisst es zum Beispiel in Basel.
In St. Gallen ist ein Pilotversuch mit einem Scan-Car geplant; auch die Stadt Winterthur prüft den Einsatz eines solchen Fahrzeugs. Kein Thema sind Scan-Cars derzeit in Bern, Luzern oder Zürich.
Vom Scan-Car als Parksünder entlarvt
Zurück in Waldshut, geht unsere Tour mit Daniel Duttlinger schon wieder zu Ende. «Jetzt waren wir fünf Minuten unterwegs und haben hundert Autos aufgenommen. In einer zweiten Runde werden wir analysieren, ob für diese Autos Parkgebühren bezahlt wurden oder nicht.»
In der zweiten Runde fliegen wir dann auf: Der Scan-Car erkennt, dass wir für unser Auto mit dem Aargauer Kennzeichen tatsächlich keine Parkgebühren bezahlt haben. Jetzt wäre eigentlich eine Busse fällig. Doch da es sich um einen Test handelt, löschen die Waldshuter Behörden dieses Mal unsere Busse. Ansonsten sind sie aber weniger kulant.