Die Brandkatastrophe, die in der Silvesternacht 40 Todesopfer und über 100 Verletzte gefordert hat, bewegt die Schweiz nach wie vor stark – und zwar auf rechtlicher wie auch auf politischer Ebene. Behörden und Justiz sind nach wie vor auch mit viel Kritik aus dem In- und Ausland konfrontiert. Nun gewährt die Schweiz Italien Rechtshilfe. Inlandredaktor Elmar Plozza ordnet ein.
Aus Italien gab es scharfe Kritik an den Ermittlungsarbeiten der Schweiz. Gibt es da eine Entspannung?
Italien war unzufrieden mit den Ermittlungsarbeiten der Schweiz. Der Vorwurf: Die Schweiz sei zu wenig strikt bei der Untersuchungshaft gegen den angeschuldigten Wirt. Nun hat das Bundesamt für Justiz mitgeteilt, dass die Schweiz Italien Rechtshilfe gewährt. Die Staatsanwaltschaft in Rom wird namentlich den Zugang zu bereits erhobenen Beweismitteln erhalten. Mitte Februar wird ein erstes Treffen zwischen den Strafbehörden beider Länder stattfinden.
Ist die massive Kritik gerechtfertigt, die es nach der Brandkatastrophe an der Schweiz gab?
Die Ermittlungen zu einer solchen Tragödie sind sehr anspruchsvoll. Gleichzeitig müssen die Justizstellen alle juristischen Spielregeln einhalten, zum Beispiel punkto Untersuchungshaft. Ein Teil der Kritik ist deshalb mit einer grossen öffentlichen Erwartungshaltung zu erklären, die im Alltag nicht immer einfach zu erfüllen ist. Gleichzeitig gab es im Vorfeld der Brandkatastrophe aber in der Tat schwerwiegende Versäumnisse wie etwa die lückenhaften Brandschutzkontrollen der Bar in Crans-Montana. Und dass nach der Tragödie der Gemeindepräsident an einer Medienkonferenz recht kühl und defensiv aufgetreten ist, hat viele Menschen zu Recht erschüttert. Der Gemeindepräsident räumt das inzwischen selbst ein und bedauert seinen Auftritt von Anfang Januar.
Gibt es auch Bereiche, in denen die Behörden gut gehandelt haben?
Bundespräsident Guy Parmelin war bereits am 1. Januar vor Ort in Crans-Montana, um ein Zeichen des Mitgefühls zu setzen und um sich ein Bild von der Lage zu machen. Die Behörden haben generell sehr schnell das Ausmass der Brandkatastrophe erkannt – und es war ihnen auch klar, dass bei der Unterstützung für die Opfer auch die Politik gefordert sein würde. Bei den Ermittlungen wurde am Anfang die Priorität auf die Identifizierung der Todesopfer und der Schwerverletzten gelegt. Möglichst bald Gewissheit über das Schicksal ihrer Liebsten zu erhalten, war für die betroffenen Familien sehr wichtig.
Wie geht es jetzt weiter?
Das Strafverfahren wird immer breiter geführt. Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen vier Personen – neben dem Wirte-Paar auch gegen zwei Sicherheitsverantwortliche der Gemeinde Crans-Montana. Die Ermittlungen werden noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Die grösste Herausforderung haben aber ganz gewiss die betroffenen Menschen zu bewältigen: Familien, die den Verlust ihrer Kinder verarbeiten müssen. Und die jungen Menschen, die schwere Brandverletzungen erlitten haben und denen langwierige medizinische und in den meisten Fällen auch psychologische Behandlungen bevorstehen.