Nach dem Brand in der Bar «Le Constellation» in Crans-Montana wartet auf viele der 116 Verletzten ein langer, harter Weg in ein neues Leben. Wie dieser Weg aussehen kann, weiss Bertrand Galley aus eigener Erfahrung. Bei einem Unfall verbrannten 75 Prozent seiner Körperoberfläche.
Auf seinem linken Arm trägt der Zweimetermann eine Tätowierung: ein brennendes Herz, ein Engel – und ein Datum. Der 22. August 2020, sein 55. Geburtstag. Damals feierte der Waadtländer mit Freunden in einer Waldhütte. Als er einen Generator mit Benzin auffüllen wollte, geschah das Unglück. Der Metallkanister schlug Funken, der Raum war voller Benzindämpfe. «Plötzlich stand alles in Flammen – auch ich», sagt Galley.
Er rannte zu einem Brunnen, um das Feuer zu löschen. «Das dauerte rund 30 Sekunden. In dieser Zeit verbrannten drei Viertel meines Körpers.» Schmerzen spürte er keine, der Schock war zu gross. Noch vor dem Helikopterflug versetzten ihn die Rettungskräfte in ein künstliches Koma.
Der erste Blick in den Spiegel
Zweieinhalb Monate später erwachte Galley im Universitätsspital Lausanne. An den Brand erinnert er sich, nicht aber an die unzähligen Behandlungen: Hauttransplantationen, Antibiotika, Wundpflege. Es folgten weitere Monate im Spital, danach die Reha in Sitten. Sechs Monate nach dem Unfall sah er sich zum ersten Mal im Spiegel. «Das war extrem schwierig.»
Sein Gesicht blieb unverletzt, dennoch kamen Angst und Verzweiflung. «Ich habe viel geweint. Aber den Lebenswillen habe ich nie verloren.» Heute sieht man die Verletzungen erst auf den zweiten Blick: steife Hände, ein blindes Auge, vernarbte Haut. «Ich habe noch etwa 60 bis 70 Prozent meiner früheren Kraft.»
«Ich musste alles neu lernen»
Das reicht für politisches Engagement in seiner Gemeinde und für den Einsatz für andere Brandopfer. Für seinen früheren Job als Verkaufsdirektor reichte es nicht mehr. Galley liess sich frühpensionieren. Drei Jahre habe es gedauert, bis er wieder weitgehend selbstständig war. «Essen, Trinken, Gehen – ich musste alles neu lernen.»
Geblieben sind neben den sichtbaren Verletzungen Nervenschmerzen, die ihn nicht schlafen lassen, der Verlust von Freunden, die mit der Situation nicht umgehen konnten, und rechtliche Fragen: Wer zahlt die vielen Behandlungen, wie viel Taggeld gibt es von der Unfallversicherung?
Was den Verletzten von Crans-Montana helfen könnte
Als Galley von der Brandkatastrophe in Crans-Montana hörte, dachte er sofort an die Betroffenen. «Sie sind jung, das hilft. Aber es ist eine riesige körperliche und psychische Arbeit.»
Was hilft? Akzeptanz, Durchhaltewillen – und Humor. «Humor ist wie ein Verband. Er schützt.» Wichtig sei zudem die Unterstützung durch Familie und andere Betroffene. Heute engagiert sich Galley in einer Selbsthilfegruppe. «Das Wichtigste ist, zu zeigen, dass es Hoffnung gibt. Es gibt ein zweites Leben nach dem Brand.»
Dieses zweite Leben will er sich bald auch noch tätowieren lassen. «La deuxième vie». Daneben ein Löwe – als Zeichen für die Kraft, die es brauchte, um weiterzuleben.