Von der Arktis bis in die Sahara: Der Glarner Emil Brunner fotografierte die Welt. Während des Zweiten Weltkriegs hielt er das Leben von über 1500 Bergkindern fest. Nun wird sein Werk dreissig Jahre nach seinem Tod erstmals umfassend in seiner Heimat gezeigt und bewegt ein ganzes Dorf zum Mitmachen.
Nicht eine Galerie steht im Zentrum der Ausstellung, sondern Braunwald selbst. Entlang von Spazierwegen begegnen Besucherinnen und Besucher mehr als 60 Kinderporträts aus den Jahren 1943 und 1944. Weitere Fotografien sind in Ställen oder im alten Schulhaus zu sehen. So wird das Bergdorf für mehrere Monate zum begehbaren Museum.
Die Menschen schauen uns an und konfrontieren uns mit unserem eigenen Leben.
Die Aufnahmen zeigen Kinder aus einfachen Verhältnissen und erzählen vom harten Leben in den Bergen während der Kriegsjahre. Für Kurator Fridolin Walcher liegt ihre Kraft bis heute in ihrer Unmittelbarkeit: «Die Menschen schauen uns an und konfrontieren uns auch mit unserem eigenen Leben.»
Dass die Ausstellung weit über die üblichen Grenzen eines Museums hinausgeht, zeigt die breite Unterstützung im Dorf. «Die Ausstellung bespielt das ganze Dorf. Alle haben mitgemacht: die Liegenschaftsbesitzer, die Bauern, die Gewerbler und die Ferienhausbesitzer. Wir wurden von Anfang an unterstützt», sagt Bettina Tamò, Kulturbeauftragte und Produktionsleiterin von BSINTI Kultur Braunwald.
Sechs Ställe wurden vorübergehend zu kleinen Galerien umfunktioniert. Einer der Mitwirkenden ist Köbi Streiff. Er hat seinen Schuppen ausgeräumt, während seine Tiere den Sommer auf der Alp verbringen. «Ich finde es eine gute Sache, dass man sieht, wie nahe Reichtum und Armut beieinanderliegen», sagt er in seinem Stall gegenüber SRF.
Landwirt Köbi Streiff berühren die Bilder, weil sie zeigen, wie stark sich das Leben in den Bergen verändert hat. Viele der porträtierten Kinder seien in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen und hätten kaum Möglichkeiten gehabt. «Viele hätten wohl gerne einen Beruf erlernt, konnten aber nicht», sagt er.
Ich finde es eine gute Sache, dass man sieht, wie nahe Reichtum und Armut beieinanderliegen.
Die Ausstellung weckt bei Streiff auch persönliche Erinnerungen. «Für mich war Emil Brunner etwas kurios. Ich habe als Kind lieber einen Bogen um ihn gemacht, weil er so ernst geschaut hat. Ich dachte immer, das sei so ein Schönwetterfotograf», erzählt Bauer Streiff.
Heute staunt Köbi Streiff über die Werke Brunners. «Ich bin kein Weltenvogel.» Dafür kenne er jeden Winkel seines Dorfs Braunwald, und sei dieser noch so abgelegen. Diese Bilder zeigten eindrücklich, wie hart das Leben vieler Kinder während der Kriegsjahre gewesen sei. «Ich wünsche mir, dass Braunwald mit dieser Ausstellung viele Besucherinnen und Besucher anlocken und faszinieren kann.»
Die Ausstellung lässt auch Zeitzeuginnen und -zeugen zu Wort kommen. Sie erzählen von Armut und Entbehrungen in den Kriegsjahren. So erinnert sich eine Mutter: «Ich weiss einfach nicht mehr, was ich kochen soll. In Gottes Namen, ich weiss es nicht, es ist nichts da.»
Mit «Berg Kind Welt» kehrt Emil Brunners Werk zurück an den Ort, der viele seiner Bilder geprägt hat. Braunwald würdigt damit nicht nur einen bedeutenden Fotografen, sondern auch die Bergfamilien, deren Alltag er dokumentierte.