Die Appenzellerin Marilù Parrella ist eigentlich Kindergärtnerin von Beruf. Seit ein paar Jahren engagiert sie sich für den Tierschutz – nun hat sie vergangene Woche eine Petition eingereicht, die eine Revision des Tierschutzgesetzes fordert. Innert kürzester Zeit sind knapp 20'000 Unterschriften zusammengekommen.
Tiere sind für Marilù Parrella eine Herzensangelegenheit. Zu Hause in Appenzell Innerrhoden lebt die 58-Jährige mit sechs Hühnern, zwei Katzen und drei adoptierten Strassenhunden. Durch ihre Tierschutzarbeit bekam sie viel Tierleid mit.
Wenn man für etwas brennt, ist man dazu verpflichtet, zu handeln.
Das trieb sie an, aktiv zu werden und eine Petition zu starten. Tiere sollen im Gesetz ausdrücklich als fühlende Lebewesen mit eigener Würde anerkannt und besser geschützt werden.
Der Sprung ins kalte Wasser
Mit Politik hatte Marilù Parrella bisher wenig am Hut. Als Italienerin ohne Schweizer Pass ist sie nicht stimmberechtigt. Die Petition sei für sie deshalb eine der wenigen Möglichkeiten gewesen, sich politisch einzubringen. Doch wie packt man ein solches Vorhaben als Einzelperson an?
«Der formelle Weg war eine Herausforderung», sagt Marilù Parrella. Sie suchte Unterstützung bei verschiedenen Organisationen und holte sich schliesslich Rat bei der Tierschutzorganisation «Tier im Recht». Die Unterschriften sammelte sie mithilfe der Kampagnenplattform Campax. Aufgeben sei für sie nie eine Option gewesen: «Wenn man für etwas brennt, ist man dazu verpflichtet, zu handeln.»
Das sind starke Figuren, die aus einer inneren Überzeugung über eine lange Zeitspanne meistens nur ein Thema bearbeiten.
Das Erfolgsrezept: Fokus und Hartnäckigkeit
Dass Einzelpersonen ohne eine Partei im Rücken Themen auf das politische Parkett bringen, ist im Schweizer System keine Seltenheit. Jüngstes Beispiel ist Franziska Herren, die 2021 die Trinkwasserinitiative lancierte und nun mit der Ernährungsinitiative erneut eine nachhaltigere Ausrichtung der Schweizer Landwirtschaft fordert.
Für Politanalyst Mark Balsiger liegt das Erfolgsgeheimnis solcher Einzelkämpferinnen und -kämpfer in ihrer kompromisslosen Fokussierung: «Das sind starke Figuren, die aus einer inneren Überzeugung über eine lange Zeitspanne meistens nur ein Thema bearbeiten.» Durch ihre Unabhängigkeit und Hartnäckigkeit geniessen sie in weiten Teilen der Bevölkerung grossen Respekt – und können so Sympathien für ihre Anliegen gewinnen.
Fluch oder Segen für die etablierten Akteure?
Für Parteien und Verbände ist das Engagement solcher Einzelpersonen oftmals ein zweischneidiges Schwert. Einerseits können sie für bestimmte Anliegen Aufmerksamkeit generieren und politische Debatten anstossen. Andererseits stehen sie auch in Konkurrenz zu den politischen Akteuren.
Anfangs würden solche Einzelpersonen oft belächelt, sagt Mark Balsiger. Das ändere sich, sobald sie grösser werden, erfolgreich Spenden sammeln und breite Unterstützung gewinnen: «Dann werden sie irgendwann für die Parteien und Wirtschaftsverbände lästig.» Der Grund: Der Spendentopf in der Schweiz ist begrenzt – und auch um die mediale Aufmerksamkeit gibt's einen Konkurrenzkampf. Gelingt es einer Einzelperson, ein Thema stark zu besetzen, geraten Parteien und Verbände mit ähnlichen Anliegen in den Hintergrund.