Voller Tatendrang steht Livia Wipf in einer Turnhalle im Kanton Aargau. Bald wird sie ihre kurze Sporthose und ihr T-Shirt gegen eine Tracht eintauschen – und Fahnen schwingen. Livia Wipf ist 12 Jahre alt und damit die jüngste Fahnenschwingerin der Schweiz.
«Ich habe das beste Hobby der Welt», sagt Livia. Dabei wurde sie nicht in eine Fahnenschwinger-Familie geboren, sondern kam durch den Freund der Mutter damit in Kontakt. Diesen begleiteten Livia und ihre Mutter vor drei Jahren zum Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Zug.
Danach sei ihre Tochter nicht mehr zu bremsen gewesen, erzählt Cornelia Beugger. «Schon auf dem Rückweg vom Fest suchte Livia mit meinem Handy nach Vereinen, wo sie das Fahnenschwingen lernen kann.»
Zuerst übte Livia mithilfe von Unihockeyschlägern und einem Kopfkissen. «Ich habe die Aargauer und die Schweizer Fahne draufgemalt», erzählt Livia. Heute nutzt sie zudem die Baselbieter Fahne: Im Baselbiet wurde sie geboren, mittlerweile lebt sie im Kanton Aargau. «Eine Fahne eines anderen als des eigenen Kantons zu nehmen, wäre komisch», findet Livia.
Ältere Männer können von Livia lernen
Nach den Übungen im Kinderzimmer lernte sie das Fahnenschwingen richtig – und ist bereits nach drei Jahren Training ein Nachwuchstalent. «Sie macht gestandenen Fähnlern etwas vor», sagt Walthi Schwarz.
Schwarz hat selbst eine erfolgreiche Fahnenschwinger-Karriere hinter sich. Mittlerweile ist er Livias Trainer. Bei den Wettbewerben am Jodlerfest in Basel traut er Livia viel zu: «Wenn es gut läuft, eine Eins, also die Höchstklasse.»
Eine gute Fahnenschwingerin ist Livia wohl auch, weil sie mit grossem Elan an die Sache geht. Der ist so ansteckend, dass sie auch ihre Mutter Cornelia Beugger für den Traditionssport begeisterte. «Mir macht das Fahnenschwingen zwar Spass», sagt Beugger. «Livia hat aber zusätzlich Leidenschaft und Talent.»
Hose statt Rock
Walthi Schwarz hofft, dass Livia mit dieser Leidenschaft weitere Mädchen und Frauen fürs Fahnenschwingen begeistern kann. Denn bisher sind es vor allem Männer, die diesen traditionellen Sport ausüben. Am Eidgenössischen Jodlerfest in Basel sind neben Livia und ihrer Mutter nur zwei weitere Fahnenschwingerinnen dabei.
Dass vor allem Männer und kaum Frauen Fahnenschwingen, hat mit Tradition zu tun. So ist es am Eidgenössischen Pflicht, eine Tracht zu tragen. Mit einem Rock kann man aber nicht alle Figuren ausführen, die es braucht.
2009 passte der Jodler-Verband sein Reglement an. Seither steht der Sport auch Frauen offen: Sie dürfen die Tradition nämlich in einer Tracht für Männer ausüben. Zwei Jahre nach diesem Entscheid war dann erstmals eine Fahnenschwingerin beim Eidgenössischen Jodlerfest in Interlaken.
Mittlerweile gibt es einige wenige Fahnenschwingerinnen in der Schweiz. Die meisten sind erwachsen. Livia ist die Nachwuchstrophäe, drum praktisch sicher. Etwas, was ihr nicht passt: «Ich hätte gerne Konkurrenz», sagt sie.
Darauf hofft auch Urs Schweizer, Präsident Fachkommission Fahnenschwingen beim Verband: «Derzeit fehlt es Mädchen und Frauen an Vorbildern», sagt er. «Livia kann aber so ein Vorbild sein.» Am Eidgenössischen Jodlerfest in Basel, gibt es Schnupperkurse fürs Fahnenschwingen. «Wir haben allgemein Probleme mit dem Nachwuchs, bei den Buben und den Mädchen», sagt Urs Schweizer. Und diesem wolle man mit den Schnupperkursen entgegenwirken.