Die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft steht vor ihrer vielleicht wichtigsten WM seit Jahren. Nach zwei verlorenen Finals geht die Nati als Mitfavoritin in die Heim-WM – und das nach einem veritablen Paukenschlag: Trainer Patrick Fischer wurde kurz vor dem Turnier abgesetzt. Ex-Eishockeyaner Reto Suri, der 2013 selbst eine WM erlebte, beurteilt die Lage.
SRF News: Die Causa Fischer, der ganze Wirbel im Vornherein – schwächt das die Schweizer Nationalmannschaft?
Reto Suri: Es hat am Anfang extrem viele Rückmeldungen gegeben. Es hat die Bevölkerung aufgewirbelt, zu einem gewissen Grad. Es waren zwei turbulente Wochen. Mittlerweile hat man das WM-Kader aber zusammen – resultatmässig und was man von den Spielern hört, zeigt sich, dass da jetzt Ruhe eingekehrt ist.
Was macht das mit einem Team, wenn der Trainer so kurz vor der WM abgesetzt wird?
Das führt zu sehr vielen Diskussionen, zu Meinungsverschiedenheiten. Das ist ein ganz normaler Prozess. Man hat einen Weg zurückgelegt in einer Gruppe mit einem Leader in Form des Headcoaches. Deshalb ist es enorm wichtig, dass diese Gespräche geführt wurden, dass man reinen Tisch gemacht hat, damit man diese Sachen bewusst hinter sich lassen kann.
Es gibt extrem viele Beispiele, wo man Hindernisse gemeinsam überwindet, noch näher zusammenfindet und eine ‹Jetzt erst recht›-Mentalität entwickelt.
Kann das ein Team sogar zusammenschweissen?
Absolut. Jeder Mensch merkt ja, dass man, wenn man gewisse Hindernisse oder Widrigkeiten überwinden kann, daran wachsen kann. Und das Gleiche gilt für Mannschaften; es gibt extrem viele Beispiele, bei denen man Hindernisse zusammen überwindet, dadurch noch näher zusammenfindet und so eine «Jetzt erst recht»-Mentalität entwickeln kann.
Blicken wir aufs Sportliche. Die letzten beiden Jahre haben die Schweizer Männer den WM-Final erreicht, aber dann verloren. Wie gut ist die Schweizer Mannschaft aktuell?
Ich denke, sie ist sehr gut. Praktisch alle, denen es möglich war, sind wieder hier – auch die Spieler, die in der amerikanischen NHL verpflichtet sind. Wir haben eine der stärksten Mannschaften, die wir überhaupt haben können. Die Qualität ist extrem hoch. Und als Einheit zusammenzufinden, war immer die Stärke dieser Nationalmannschaft – das ist eine Schweizer Tugend.
Was denken Sie, Reto Suri: Reicht es dieses Jahr sogar für Gold?
Die Schweiz gehört ganz sicherlich zum Favoritenkreis. Man wird andere Nationen sehen: Schweden, eine junge, hochtalentierte Mannschaft. Kanada mit Grössen wie Crosby und Celebrini. Die USA mit einer dynamischen, jüngeren Mannschaft. Aber die Schweiz hat durchaus sehr positive Perspektiven.
Das erste Mal seit 2009 findet die Männer-WM wieder in der Schweiz statt. Pusht eine Heim-WM die Spieler zusätzlich?
Das liegt auch ein wenig an uns, an der Nation. Es ist ein Highlight für jeden Spieler, weil man weiss: Es kommt nicht alle Jahre wieder. Wir sollten aber als Nation die Erwartungshaltung dämpfen, das Turnier erst anlaufen lassen, der Mannschaft die nötige Zeit geben. Dann kann die Euphorie von diesem Eishockeyfest durchaus das Zünglein an der Waage sein. Aber sie kann auch in etwas Negatives umschlagen. Es ist wichtig, dass es unterstützend wirkt – und nicht belastend.
Das Gespräch führte Vanessa Ledergerber.