Wenn es um Noten, Sexualaufklärung oder globale Krisen im Unterricht geht, kann der Austausch zwischen Schule und Eltern schnell anspruchsvoll werden.
Eine im Jahr 2022 durchgeführte Umfrage des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz zeigt: Konflikte mit Eltern gehören für viele Lehrpersonen zum Berufsalltag. Entsprechend gewinnt der professionelle Umgang mit Eltern in der Ausbildung zunehmend an Gewicht.
Ruth Lehner, Dozentin an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen (PHSG), bereitet angehende Lehrpersonen gezielt auf Gespräche mit Eltern vor. In der Praxis funktioniere die Zusammenarbeit meist gut: Rund 95 Prozent der Kontakte würden konstruktiv verlaufen.
Heute sagt man: Wenn eine Lehrperson mit einem Kind schimpft, stehen die Eltern mit dem Anwalt da.
Gleichzeitig machen zwei bis fünf Prozent der Fälle einen unverhältnismässig grossen Teil der Arbeit aus. Diese Fälle seien nicht unbedingt häufiger geworden, aber intensiver, sagt Lehner. «Eltern kommen öfter vorbei, hinterfragen Entscheidungen oder äussern Sorgen, dass ihr Kind ungenügend beachtet oder unfair behandelt wird.»
Ruth Lehner vermutet einen deutlichen Wandel im Rollenverständnis. Früher galten Lehrpersonen meist als Autoritätspersonen, deren Entscheidungen kaum hinterfragt wurden. Heute, so beobachtet sie, treten Eltern deutlich selbstbewusster auf. «Früher sagte man: Wenn Lehrpersonen ein Kind zurechtweisen, wird zu Hause noch einmal geschimpft. Heute sagt man: Wenn eine Lehrperson mit einem Kind schimpft, stehen die Eltern mit dem Anwalt da.»
Beutelsbacher Konsens in der Praxis
Konflikte können auch entstehen, wenn im Unterricht gesellschaftlich kontroverse Themen behandelt werden. Andreas Stadelmann, Dozent für politische Bildung an der PHSG, nennt Konflikte wie jene im Nahen Osten oder in der Ukraine als Beispiele. Unterschiedliche familiäre Hintergründe und gefestigte Meinungen könnten Spannungen auslösen.
Orientierung bietet dabei der sogenannte Beutelsbacher Konsens: Schülerinnen und Schüler sollen verschiedene Perspektiven kennenlernen und sich eine eigene Meinung bilden. Lehrpersonen dürfen dabei eine eigene Haltung haben, solange sie diese transparent machen und andere Positionen sachlich darstellen.
Einen zusätzlichen Einfluss auf die Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern beobachtet Valentin Unger vom Institut für Pädagogische Psychologie der PH St. Gallen. Im Rahmen eines Nationalen Forschungsprogramms untersuchte er die Auswirkungen der Corona-Pandemie. «Während des Fernunterrichts wurden Eltern Teil des Schulalltags ihrer Kinder», erklärt Unger. Und soziale Unterschiede wurden deutlich sichtbar. «Einige Eltern, zum Beispiel in systemrelevanten Berufen, waren nicht zu Hause und konnten ihre Kinder daher kaum unterstützen. Lehrpersonen mussten dadurch vermehrt mit sehr unterschiedlichen Lebenssituationen umgehen.»
Für angehende und erfahrene Lehrpersonen gilt damit: Der Umgang mit Eltern bleibt ein zentraler Bestandteil des Berufs – nicht nur, wenn alles reibungslos läuft. Sondern gerade dann, wenn es herausfordernd wird.