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Ende einer Ära Nach 175 Jahren: Bally stellt Schuhproduktion in der Schweiz ein

Einst war Bally ein Symbol für Schweizer Industrie und weltweiten Erfolg. Nun schliesst die letzte Fabrik im Tessin.

Ein Stück Schweizer Industriegeschichte geht zu Ende: Bally, die traditionsreiche Schuhmarke, die seit 1851 in der Schweiz produzierte, hat die Produktion in der Schweiz eingestellt. In diesen Tagen verlassen die letzten Luxus-Herrenschuhe die Produktionsstätte in Caslano im Tessin.

Die verbliebenen 27 Produktionsangestellten verlieren ihre Stelle bis spätestens Ende August, auch der Bally Flagshipstore in Lugano schliesst. Nach 175 Jahren endet ein Stück Schweizer Industrietradition.

Produktion in Caslano schliesst

Die Stimmung in Caslano ist gedrückt. Noch vor vier Jahren hofften die damals rund 200 Mitarbeitenden, dass Bally weiter im Tessin produzieren würde. Doch der Absatz stockte bereits. Mit der Übernahme durch die amerikanische Investmentgesellschaft Regent LP im August 2024 scheint das Ende von Bally-Schuhen «Made in Switzerland» besiegelt.

Das Unternehmen schreibt Verluste, Regent will Kosten sparen und baut Stellen ab. Luca Robertini von der Gewerkschaft OCST kritisiert diese Strategie: «Es zählen einzig die Zahlen, und das Produkt ist nebensächlich.»

Zuvor gehörte Bally bereits der amerikanischen Texas Pacific Group und der luxemburgischen JAB-Holding. Robertini sagt: «Sie treffen die Entscheidungen auf der anderen Seite des Ozeans, und wissen nicht, was und wie es hier läuft.»

Ballys Aufstieg zur Weltmarke

Bally wurde 1851 von Carl Franz Bally und seinem Bruder Fritz in Schönenwerd im Kanton Solothurn gegründet. Es ist eine der ersten Modefirmen ihrer Zeit.

Die Firma wächst rasch: Bereits 1860 arbeiten mehr als 500 Menschen für Bally, später expandiert das Unternehmen weltweit – mit Filialen und Fabriken von Buenos Aires bis New York, von Paris bis Kapstadt. Anfang des 20. Jahrhunderts beschäftigt Bally rund 7000 Personen.

Schaufenster mit Taschen und Accessoires hinter Bally-Schriftzug.
Legende: Das Unternehmen Bally baute seine Produktion schnell aus. REUTERS/Kai Pfaffenbach

Oliver Huber begann 1981 seine Lehre bei Bally in Schönenwerd. Schon sein Vater, seine Tante und sein Onkel arbeiteten dort. Bally stehe für Schweizer Industriegeschichte, sagt Huber: «Es waren Pioniere in der Industrialisierung, es war eine der ersten weltweiten Modefirmen zu dieser Zeit.»

Bally für alli, hiess es dazumal.
Autor: Oliver Huber hat 28 Jahren bei Bally gearbeitet

Für die Angestellten baute Bally Wohnsiedlungen und förderte das Vereinsleben mit Tischtennis-, Wander-, Fotografie- und Fussballclubs. Huber spielte beim FC Bally. Man sei stolz gewesen, bei Bally zu arbeiten oder Schuhe von Bally zu tragen. «Bally für alli, hiess es dazumal.»

Der Niedergang: Besitzerwechsel, Sanierer und Schliessungen

Ab den 1970er-Jahren gerät Bally zunehmend in Schwierigkeiten. Besitzer wechseln, Fabriken schliessen, Sanierer kommen und gehen. Kurz vor der Jahrtausendwende übernimmt die amerikanische Texas Pacific Group, restrukturiert den Konzern und verkleinert das Filialnetz. Produziert wird zuletzt nur noch am Firmensitz in Caslano.

Der langsame Niedergang der Traditionsmarke

Box aufklappen Box zuklappen
Menschen vor einem Gebäude mit Bally-Schild, geparktem Auto.
Legende: (Bally-Produktionsstandort in Caslano, 1997) KEYSTONE/MICHELE LIMINA

1976 kauft der später verurteilte Finanzinvestor Werner K. Rey die Aktienmehrheit von Bally, verkauft sie aber bereits ein Jahr später mit Gewinn an die Waffenfabrik Oerlikon-Bührle. Es folgen mehrere Sparrunden und Neulancierungen, Fabriken und Verkaufsfilialen werden geschlossen.

In den 1990er-Jahren beschleunigt sich der Niedergang, ausgelöst durch Managementfehler, einen zu hohen Anteil an Eigenproduktion und eine weltweit uneinheitliche Markenführung. 1995 wird Ernst Thomke als Sanierer geholt.

1997 greift Bally zu drastischen Massnahmen. In einem Extrazug verscherbelt Bally Schuhe aus dem Lagerbestand in Deutschland. Thomke scheitert mit seiner «Operation Lifting» und ist nach zwei Jahren wieder weg. 1999 folgt Texas Pacific Group.

Übrig bleiben eine Erinnerung und ein Name

Vom einst stolzen Schweizer Industrieunternehmen bleibt für Oliver Huber, der mit Unterbrüchen 28 Jahren bei Bally gearbeitet hat, heute «eine Wahnsinnsgeschichte, eine Erinnerung an etwas, das Schweizer Industriegeschichte geschrieben hat und für viele Generationen wichtig war – und ein Name».

Die Schliessung, so Huber weiter, sei das Ende eines Kapitels Schweizer Industriegeschichte und ein Symbol für den Wandel in der globalisierten Wirtschaft, in der Tradition oft den nackten Zahlen weichen müsse.

10vor10, 19.05.2026, 21:50 Uhr

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