Schulunterricht bedeutet für gewöhnlich: Rechnen, Lesen und Schreiben, Stillsitzen und Zuhören, viel Tun, wenig Sein. Ganz anders funktioniert das Entlastungsangebot «Loop» der Schule Studen Aegerten im Berner Seeland. Hier können Kinder tun, worauf sie gerade Lust haben: Spielen, Herumtollen, Einkaufen oder Kochen zum Beispiel.
«Das Angebot soll keine Strafe sein, sondern Raum schaffen», sagt Lehrerin Nora Sieber, die «Loop» leitet. Kinder, die dieses schulinterne Akutprogramm besuchten, hätten es in der Regelschule schwierig gehabt: «Sie sind in einer Krise und waren für sich selbst, für die Klasse und für die Lehrpersonen nicht mehr tragbar.»
Es geht darum, dass sich die Kinder wieder spüren.
Im Entlastungsangebot können verhaltensauffällige Kinder zur Ruhe kommen, sich auch einmal eine halbe Stunde hinlegen. «Es geht darum, dass sie sich wieder spüren», sagt Nora Sieber. Zwischendurch beschäftigen sich die Kinder auch mit Unterrichtsstoff. Dieser habe jedoch keine Priorität. «Kinder in Krisen können sowieso nicht – oder nur bedingt – lernen», erklärt Sieber.
Das Entlastungsangebot richtet sich an Kinder ab Kindergarten bis zur neunten Klasse. Sie besuchen das Programm bis zu vier Wochen Vollzeit und kehren danach schrittweise in die Regelklasse zurück. «Loop» ist die letzte Station, bevor es zum Schulausschluss kommt.
Aus der Not heraus entstanden
Eine Mutter, deren Tochter das Entlastungsprogramm besucht hat, sagt: «Es gibt gute Gründe, weshalb ein Kind eine Auszeit braucht.» Ihre Tochter habe sich oft gestört gefühlt in der Klasse und dadurch andere gestört. In einem Gespräch mit der Lehrperson und der Schulleitung sei ihr «Loop» empfohlen worden. Dort habe sich ihre Tochter sofort wohlgefühlt: «Sie lernte, mit Konflikten umzugehen, oder wann sie sich zurückziehen muss. Das hat viel gebracht.»
Als Schulleiterin muss ich auch auf die Gesundheit der Lehrpersonen achten.
«Loop» sei aus der Not heraus entstanden, sagt Schulleiterin Christine Stehlé, die das Programm initiiert hat. Ihr Team mit 150 Mitarbeitenden sei an die Grenze gestossen. Anders als noch vor 30 Jahren gäbe es heute in jeder Schulklasse gleich mehrere verhaltensauffällige Kinder. «Da brauchen wir manchmal sofort eine Lösung.» Abklärungen auf der Erziehungsberatung dauerten oft sehr lange. Und dieses Ausharren in schwierigen Situationen könne auch für Lehrpersonen sehr belastend sein. «Als Schulleiterin ist es mein Auftrag, auf die Gesundheit der Lehrpersonen zu achten.»
Jede Schule ist selbst dafür verantwortlich, wie sie mit verhaltensauffälligen Kindern umgeht. Das habe zum einen den Vorteil, dass man individuelle Anpassungen machen könne, sagt Christine Stehlé. Andererseits fühlt sie sich vom Kanton alleingelassen: «Mir fehlt ein Konzept des Kantons, wie man in schwierigen Situationen reagieren kann.»
«Loop» ist Teil der integrativen Förderung. Für diese Unterstützung haben Schulen eine gewisse Anzahl Lektionen zur Verfügung. In Studen Aegerten werden diese für das «Loop»-Angebot gebraucht. Darum fehlen sie in der Regelklasse. Für die Zukunft möchte die Schule das Angebot ausbauen und mit den Nachbarsgemeinden zusammenspannen, damit auch diese davon profitieren können.