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Erfolgreicher Dok-Film Schwyzer Filmemacherin: «Ich wollte einfach Schweizerin sein»

Selin Besili ist mit ihren Geschwistern Hêlîn, Firat und Serhat in Pfäffikon SZ gross geworden. Obwohl die Familie im Dorf aufgewachsen ist, waren sie aus der Sicht der Einheimischen immer «die Ausländer». Was macht das mit der Familie und ihren Mitgliedern? Diesen Fragen geht die Dreissigjährige in ihrem Film «Unser Name ist Ausländer» auf die Spur. Selin Besili hat damit in den letzten Monaten an Filmfestivals im In- und Ausland zehn Preise gewonnen.

Selin Besili

Filmemacherin

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Geboren 1995 im Kanton Schwyz als Kind kurdischer Eltern. 2016 absolvierte sie den Vorkurs an der Zürcher Hochschule der Künste. 2024 schloss sie ihren Bachelor in Video mit Schwerpunkt Regie an der Hochschule Luzern – Design Film Kunst ab. Selin Besili lebt derzeit in Zürich.

SRF News: Selin Besili, hat es geschmerzt, für Ihren Film in der eigenen Geschichte zu graben?

Selin Besili: Doch, ja. Weil ich «dazugehören» wollte, distanzierte ich mich als Kind von meiner Kultur, meinen Geschwistern, meiner Familie im Allgemeinen. Deshalb habe ich bis heute ein schlechtes Gewissen. Den Film zu drehen, hat mir selbst auch aufgezeigt, dass dieses damalige Verhalten wohl ein natürlicher Prozess ist. Gerade für ein junges Mädchen, das vieles nicht verstand. Ich weiss nun, dass ich Verständnis haben muss für das Mädchen, das ich damals war.

Eine Gruppe junger Männer sitzt auf Plastikstühlen auf einem Platz mitten im Wohnquartier und wird gefilm.
Legende: Dreharbeiten im ehemaligen Wohnquartier in Pfäffikon. Im Film kommen nebst der Familie auch Freundinnen und Freunde vor. Kezia Zurbrügg, Hochschule Luzern – Design Film Kunst

Wie hat sich dieses Von-der-Familie-Distanzieren gezeigt?

Ich habe Freundinnen nicht in unsere Wohnung gebracht, weil ich dachte, bei uns sähe es fremd aus und wir würden andere Lebensmittel essen. Grundsätzlich habe ich wenig erzählt von zu Hause.

Wenn es hiess, dass ich mega gut Deutsch spreche, empfand ich das als Kompliment.

Und ich wollte schon in jungen Jahren meinen Namen ändern und habe auf dem Schulweg meinen Bruder ignoriert, weil er für mich «das Kurdische» symbolisierte. Ich wollte als Schweizerin gesehen werden, habe mir darum auch viel Mühe in der Schule gegeben. Wenn es dann hiess, dass ich für eine Ausländerin mega gut Deutsch spreche, empfand ich das als Kompliment und war stolz. Erst viel später wurde mir bewusst, dass dahinter positiver Rassismus steckt.

Eine junge Frau steht an der Kamera, zwei weitere Personen schauen auf einen Monitor.
Legende: Selin Besili (rechts im Hintergrund) kontrolliert die Aufnahme auf einem Monitor. Kezia Zurbrügg, Hochschule Luzern – Design Film Kunst

Im Film «Unser Name ist Ausländer» kommen auch ihre Geschwister zu Wort. Ihr Bruder Firat erzählt in einer Szene, wie er sich während einer Polizeikontrolle in Zürich komplett entblössen musste. Was hat diese Geschichte bei Ihnen ausgelöst?

Ich wusste, dass Firat am meisten mit Rassismus konfrontiert wurde, viel öfter als der jüngere Bruder, meine Schwester und ich. Die Interviewszene hat mich sehr traurig gemacht, und ich war tagelang sehr niedergeschlagen. Es war Firat selbst, der sich dann um mich gekümmert und mir versichert hat, dass es ihm gut gehe.

Im Film sagen Sie, dass Sie es heute bedauern, sich als Mädchen für Ihre Herkunft geschämt zu haben. Ist «Unser Name ist Ausländer» auch der Versuch einer Versöhnung mit der eigenen Geschichte?

Ich stecke da noch mitten im Prozess. Wenn ich mitbekomme, wie jemand diskriminiert wird, staut sich die Wut in mir. Aber diese Wut hilft mir. Sie hilft mir, die Geschichte meiner Familie und auch mich selbst besser zu verstehen.

Das Gespräch führte Evelyne Fischer.

Regionaljournal Zentralschweiz, 5.1.2026, 17:30 Uhr ; 

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