Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Erfundene Gespräche mit Stars Tom Kummer: «Hätte Interviews als Literatur kennzeichnen müssen»

Vor 25 Jahren löste er mit erfundenen (Hollywood)Star-Interviews einen der grössten Medienskandale aus. Heute distanziert sich der Autor Tom Kummer klar von Fake News und spricht über seinen Umgang mit Fakten und Fiktion.

Tom Kummer

Autor

Personen-Box aufklappen Personen-Box zuklappen

Tom Kummer (geb. 1961 in Bern) arbeitete lange Zeit als Journalist für grosse Zeitungen und Magazine im deutschsprachigen Raum. Er war insbesondere für Interviews und Reportagen im Hollywood-Umfeld berühmt.

Im Jahr 2000 kam es zu einem Medienskandal, als bekannt wurde, dass Kummer Interviews aus bereits bestehenden Texten neu zusammengesetzt oder erfunden hatte.

2017 erschien mit «Nina und Tom» sein erster Roman. Sein Roman «Von schlechten Eltern» (2020) war für den Schweizer Buchpreis nominiert und wurde als Theaterfassung im Herbst 2021 uraufgeführt.

Nach vielen Jahren in Los Angeles lebt Tom Kummer inzwischen wieder in Bern.

SRF News: Im März erscheint Ihr neuer Roman über Kim Jong Uns Zeit in der Schweiz. Da vermischen Sie Realität und Fiktion. Wie gehen Sie vor?

Tom Kummer: Es gibt viele wahre Bezüge. Ich habe alles gelesen, was die internationale Presse über seine Jahre in Bern recherchiert hat. Aber mich interessiert die Grauzone. Dort kann man in eine Seelenlandschaft schreiben, die man noch nicht kennt. Ich habe zum Beispiel aus dem echten Basketballcoach eine literarische Figur gemacht, um eine Beziehung zu erzählen, die über die reinen Fakten hinausgeht.

Hätten Sie schon Ihre Interviews von damals als Literatur kennzeichnen müssen?

Rückblickend ist das ganz klar. Wenn ich die Texte heute lese, lese ich sie als Literatur. Man hätte diese Deklarierung machen müssen. Der Journalismus hat damals Freiheiten zugelassen. Man konnte die Grenzen des Genres ausprobieren, experimentell oder sogar subversiv sein.

Zeitschriftenartikel mit Foto einer Frau.
Legende: Über fünfzig fiktive Gespräche waren in seriösen Blättern Deutschlands und der Schweiz erschienen, ohne dass jemand Verdacht geschöpft hätte. Darunter ein Interview mit Schauspielerin Sharon Stone. SRF

War Geld eine entscheidende Motivation?

Ja, ganz klar. Ich war 25, sass in Berlin und hatte wenig Geld. Plötzlich bekam ich die Möglichkeit, mit meiner Art zu schreiben gutes Geld zu verdienen. Ich musste mich entscheiden: Schreibe ich Bücher für ein paar Franken oder gehe ich in den Journalismus? Dafür habe ich mich entschieden.

Ich habe so viele fiktionale Spuren gelegt, dass ich davon ausging, meine Chefs wüssten, was sie drucken.

Sie haben teils absurde Details erfunden – Boxer Mike Tyson, der über Hemingway philosophiert. Hat nie jemand nachgefragt?

Ich habe so viele fiktionale Spuren gelegt, dass ich davon ausging, meine Chefs wüssten, was sie drucken. Aber es ist nichts passiert. Stattdessen haben mich Kollegen für die Texte gefeiert. Es war wohl eine Win-Win-Situation für die Leser, die Werber und offenbar auch für die Blattmacher.

Sie haben damit die Glaubwürdigkeit des Journalismus unterwandert.

Ja, aber von dem, womit wir heute konfrontiert sind – Fake News, die unsere Demokratie unterwandern – muss ich mich ganz klar distanzieren. Ich bin Demokrat und würde mich nie an solchen bösartigen Attacken beteiligen.

Heutige Fake News sind kurz, prägnant, spaltend und aggressiv.

Funktionieren Fake News nach demselben Mechanismus wie damals Ihre Texte – sie bestätigen ein Weltbild, das die Leute gerne glauben möchten?

Nein, das ist ein grosser Unterschied. Heutige Fake News sind kurz, prägnant, spaltend und aggressiv. Sie appellieren an niedere Instinkte. Meine Texte waren 20 Seiten lang, gingen in die Tiefe und zeigten Empathie, eine Lust auf eine gute Welt. Fake News verkörpern das Böse.

Sie sagten damals, Sie wünschten sich, es gäbe keinen Unterschied mehr zwischen Fiktion und Wahrheit. Ist dieser Wunsch in Form von Fake News als Albtraum wahr geworden?

Absolut. Diesen Wunsch würde ich heute nicht mehr formulieren. Wir haben vieles auf die leichte Schulter genommen und nicht vorausgesehen, was daraus entstehen könnte. Wenn ich damals von einer solchen Vision sprach, dann ging es darum, die Welt nicht nur zu beschreiben, wie sie ist, sondern wie sie sein könnte – eine bessere Welt.

Das Gespräch führte Karoline Arn.

Tagesgespräch, 27.01.2026, 13:00 Uhr ; 

Meistgelesene Artikel