Vor 150 Jahren, am 7. Juni 1876, wählte der Luzerner Regierungsrat den Apotheker Robert Stierlin-Hauser zum ersten Kantonschemiker des Kantons Luzern – und gleichzeitig der Schweiz.
Zwar wurden Lebensmittel schon seit dem Mittelalter kontrolliert, etwa auf Märkten, aber mit diesem Schritt startete die Ära der wissenschaftlich gestützten Lebensmittelkontrollen in der Schweiz.
«Es waren nicht etwa die Konsumentinnen und Konsumenten, die bessere Kontrollen forderten», sagt der heutige Luzerner Kantonschemiker Silvio Arpagaus, «hinter dieser Forderung stand primär das Gewerbe selbst, da oft betrogen wurde.» Die Rechtschaffenen wollten sich mit besseren Kontrollen gegen die Trickser zur Wehr setzen.
Betrogen und getrickst wurde in erster Linie, um den Gewinn zu maximieren. «Beim Backen wurde Sägemehl oder Gips beigemischt, um das Gewicht des Brots und damit den Profit zu erhöhen. Dem Wein wurde Farbstoff beigemischt, damit er Kundinnen und Kunden mit einer schönen Farbe überzeugt – und die Herkunft der Trauben wurde herbeifantasiert», erzählt Arpagaus von den damaligen Tricksereien.
Milchwässerung war immer wieder Thema.
Auch bei der Milch sei geschummelt worden: «Milchwässerung war immer wieder Thema. Dabei wurde die Milch mit Wasser gestreckt. Zum Teil waren über 30 Prozent der Proben gewässert», erzählt Silvio Arpagaus.
Robert Stierlin-Hauser, der erste Kantonschemiker der Schweiz, war im Hauptberuf Apotheker mit eigenem Geschäft in der Stadt Luzern. Als kantonaler Lebensmittelkontrolleur arbeitete er nur im Nebenamt. Erwischte er Lebensmittelproduzenten oder Gewerbetreibende beim Schummeln, wurden sie namentlich im Luzerner Amtsblatt publiziert.
Im Lauf der Jahre wurden die Kontrollen stetig ausgeweitet. Nebst Lebensmitteln werden seither auch Wasser, Boden und Gebrauchsgegenstände kontrolliert. 1950 etwa wurde die Wasserqualität der Seebäder analysiert.
Und heute? – «Aktuell beschäftigen uns vor allem chemische Stoffe, die lange Zeit als unbedenklich galten», erklärt der amtierende Luzerner Kantonschemiker, Silvio Arpagaus. Etwa PFAS, die sogenannten Ewigkeitschemikalien. Oder Chlorothalonil, ein Fungizid, das rund 50 Jahre lang eingesetzt wurde, um Getreide, Gemüse und Wein vor Pilzbefall zu schützen, und seit ein paar Jahren verboten ist, da Rückstände davon im Grundwasser gefunden wurden.