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Exklusive Auswertung So arbeiten Schweizer Unis mit Tabakmultis zusammen

Hochschulen und ihre Nähe zur Tabakindustrie, das ist ein heikles Thema. Zum Beispiel die EPFL, die eidgenössische technische Hochschule in Lausanne, eine der besten Universitäten der Welt. Zuerst schreibt ihr Sprecher:

«Gerne gebe ich bekannt, dass die EPFL seit fünf Jahren keinen Vertrag unterschrieben hat mit Unternehmen der Tabakindustrie (und sogar viel länger nicht).»

Auf dem Online-Portal Linkedin bedanken sich aber mehrere EPFL-Absolventen für die gute Zusammenarbeit mit Philip Morris.

Mehr als 30 EPFL-Studierende haben in den letzten Jahren ihre Masterarbeit bei Philip Morris International geschrieben, ungefähr 30 weitere haben im Rahmen des Masterabschlusses dort ein Praktikum gemacht. Zu Themen, die dem Tabakmulti dienen.

Zum Beispiel: Wie kann man Werte und Bedürfnisse von Konsumenten – sprich: Raucherinnen und Raucher – beeinflussen? Studierende, Unternehmen und Uni unterschreiben für so ein Vorhaben eine Projektvereinbarung.

So auch Sinan. Er kam aus der Türkei in die Schweiz, um an der EPFL zu studieren, machte ein Praktikum bei Philip Morris International. Der Tabakkonzern bot ihm an, als Masterarbeit ein KI-Programm zu entwickeln, das fehlerhafte Zigaretten erkennt.

3000 Franken pro Monat verdiente Sinan, für ihn ein durchschnittlicher bis guter Lohn. Fehlte nur noch ein EPFL-Professor, der ihn betreuen, sein Wissen beisteuern würde.

Freunde und Familien haben mich gefragt: Weshalb arbeitest du mit Philip Morris?
Autor: Sinan Schrieb Masterarbeit bei Philip Morris International

Da wurde es schwierig. Professoren antworteten ihm nicht oder schickten ihn weg, als sie erfuhren, dass die Arbeit für Philip Morris sein sollte – aus ethischen Gründen. Auch Leute aus Sinans Umfeld verstanden nicht, warum er sich mit der Tabakindustrie einlassen wollte.

Schliesslich aber fand er einen Professor und schloss das Vorhaben ab. Nie hätte er gedacht, sagt Sinan, dass es so umstritten sein könnte. Heute arbeitet er in einer anderen Branche.  

Weniger als ein Prozent der Studierenden arbeite mit Philip Morris zusammen, schreibt die EPFL, man ermutige niemanden dazu, toleriere das aber. Die Hochschule relativiert weiter: Masterarbeiten seien keine eigentliche Forschungszusammenarbeit, eine solche würde man nicht akzeptieren. Die Tabakindustrie sei jedoch ein wichtiger wirtschaftlicher Akteur in der Region.

Exklusive Auswertung: Viele Hochschulen kooperieren mit der Tabakindustrie

Die EPFL ist längst nicht die einzige Schweizer Hochschule mit Verbindungen zur Tabakindustrie. SRF Investigativ liegt exklusiv eine Auswertung vor. Erstellt hat sie der Tabakpräventionsverein Oxysuisse, der zum grössten Teil vom Bund finanziert wird und dem eine rauchfreie Schweiz vorschwebt.

Die Tabakindustrie geniesst in der Schweiz viele Freiheiten

Der «Global Tobacco Index» ist die Rangliste einer weltweit vernetzten Tabakpräventionsorganisation. Sie schätzt für jedes Land ein, wie stark sich die Politik wehrt gegen den Einfluss der Tabakindustrie. Seit Jahren belegt die Schweiz den vorletzten Platz auf der Liste, vor dem Tabakanbauland Dominikanische Republik.

Anderswo, zum Beispiel in Grossbritannien, verzichten viele Hochschulen auf die Zusammenarbeit mit der Tabakindustrie. Dass es in der Schweiz hingegen viele Verbindungen gibt, ist kein Zufall. Die Tabakkonzerne haben es hierzulande grundsätzlich verhältnismässig leicht:

  • Tabaksteuern sind in der Schweiz insgesamt tiefer, Werbeverbote weniger streng als in vielen Ländern. Das schreibt der Bundesrat in seinem neusten Tabak-Bericht.
  • In der Schweiz dürfen für den Export nach Osteuropa, Asien und Afrika Zigaretten produziert werden, die mehr Teer und Nikotin enthalten, als es in der Europäischen Union erlaubt ist.
  • Ausserdem hat die Schweiz (wie die USA) als eines von wenigen Ländern weltweit die Tabakkonvention der Weltgesundheitsorganisation nicht ratifiziert, also nicht in Kraft gesetzt. Diese Vereinbarung will Menschen vor den «verheerenden» Auswirkungen des Rauchens schützen.

Die Tabakindustrie hat in der Schweiz Gewicht: Sie sorgt für Steuereinnahmen von jährlich ungefähr zwei Milliarden Franken und beschäftigt etwa 6000 Menschen.

Verfahren zur wissenschaftlichen Integrität in Zürich

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Eingang des Hauptgebäudes der Universität Zürich
Legende: Getty Images / EThamPhoto

Es gibt bekannte Fälle von mutmasslicher Einflussnahme auf Forschung durch die Tabakindustrie, einer könnte nun gemäss Recherchen von SRF Investigativ Konsequenzen für Forscher haben. Es geht dabei um «neutrale» Zigarettenverpackungen, das heisst, Verpackungen ohne Markenlogo. Darauf setzen Staaten zunehmend bei der Rauchprävention. 2013 kamen Forscher der Universität Zürich aber in einer Studie zum Schluss: Solche einheitlichen Verpackungen brächten wenig im Kampf gegen das Rauchen. Bloss: Philip Morris hatte die Arbeit bezahlt. Später wurde ein Dokument öffentlich, das belegte, dass der Konzern Einfluss nehmen konnte auf die Studie. Es gab Empörung und Druck, aber die Universität Zürich zog die Studie nicht zurück.

Recherchen von SRF Investigativ zeigen nun: Es läuft ein Verfahren wegen mutmasslichen wissenschaftlichen Fehlverhaltens. Nächstens entscheidet die Universitätsleitung, ob die wissenschaftliche Integrität verletzt wurde und ob die Studie doch zurückgezogen werden muss.

Zwei der wichtigsten Tabakkonzerne weltweit haben ihren Hauptsitz in der Romandie: Philip Morris International und Japan Tobacco International. British American Tobacco hat hierzulande eine Niederlassung. Daneben gibt es kleinere Tabakunternehmen wie Davidoff Oettinger oder Villiger.

So erstaunt es wenig, dass wichtige Parlamentsmitglieder direkt oder indirekt mit der Tabaklobby verbandelt sind.

Hochschulen bekommen weniger Geld

Die Hochschulen sind im Dilemma. Sie bekommen weniger Geld von Bund und Kantonen, sind angehalten, Geld aus der Privatwirtschaft zu beschaffen. Hochschulen kooperieren zudem auch mit anderen Industrien – Pharma, Banken, Lebensmittel.

Die Tabakindustrie ist allerdings keine wie jede andere. Einerseits, so ein Argument von Präventionsfachleuten, stelle keine andere Industrie einzig und allein schädliche Produkte her. Sicher ist: Die Folgen des Rauchens kosten in der Schweiz jedes Jahr über 9000 Menschen das Leben und das Gesundheitswesen über drei Milliarden Franken.

Andererseits ist da die Vorgeschichte. Die Tabakindustrie versuchte früher, mit pseudowissenschaftlichen Argumenten, die Unschädlichkeit des Rauchens zu beweisen.

«Mehr Ärzte rauchen Camels als jede andere Zigarette» – Tabakwerbung von 1946.
Legende: «Mehr Ärzte rauchen Camels als jede andere Zigarette» – Tabakwerbung aus den USA von 1946. SRITA

In den 1930ern verschenkte sie Zigaretten bestimmter Marken an Ärzte und liess diese dann verkünden, die verschenkte Marke schade nicht.

«Zusammenarbeit mit Hochschulen nützt Tabakindustrie»

Die Industrie hat auch in der Schweiz versucht, Wissenschaftler zu beeinflussen. Zum Beispiel über geheime Vertragsklauseln: Dort steht etwa drin, dass die Industrie entscheiden darf, ob Forschungsresultate veröffentlicht werden, nicht die Hochschule. Einige Institutionen, wie die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften wollten, solche Klauseln nicht akzeptieren.

Philip Morris bezahlte heimlich Professor für Gefälligkeiten

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Ein Herr in Anzug und Brille steht vor dem Justizgebäude in Genf.
Legende: Prof. Ragnar Rylander im Jahr 2001. Keystone / MARTIAL TREZZINI

Der wohl brisanteste Fall von heimlicher Einflussnahme der Tabakindustrie auf eine Universität hierzulande geschah in Genf: Der schwedische Professor Ragnar Rylander schrieb als Angestellter der Universität Genf immer wieder darüber, dass Passivrauchen weniger schädlich sei als gedacht. Obwohl er nachweislich wusste, dass dem nicht so ist. Gegen aussen gab sich Rylander als unabhängiger Forscher – bis 2001 publik wurde, dass er über Jahre von Philip Morris bezahlt worden war. Als Folge dieser «Affäre Rylander» ist es heute an der Universität Genf verboten mit der Tabakindustrie zusammenzuarbeiten.

«Die Erfahrung zeigt, dass die Zusammenarbeit zwischen Tabakindustrie und den Hochschulen der Tabakindustrie nützt», sagt Staatsrechtsprofessor Markus Müller, der sich ein Berufsleben lang für Forschungsfreiheit eingesetzt hat.

Müller findet, öffentlich-rechtliche Institutionen wie Hochschulen müssten ihre Verträge offenlegen: «Was für Geheimnisse sollen da geschützt werden?» Studien zeigten, dass Forschung fast immer im Sinn des Auftraggebers ausfalle, auch wenn sich Forschende für unabhängig hielten: «Da überschätzen sich die Leute einfach.»

Das sagen die Hochschulen zu Intransparenz und Forschungsfreiheit

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  • Mehrere Hochschulen, darunter die Fachhochschule Nordwestschweiz und die Scuola universitaria professionale della Svizzera italiana (Supsi), weisen darauf hin, dass die Verträge, die sie mit der Tabakindustrie geschlossen haben, privatrechtliche Verträge seien, also nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.
  • Die Hotelfachschule Lausanne stellt sich auf den Standpunkt, sie müsse ihre Kooperation mit der Tabakindustrie nicht öffentlich machen, weil sie eine private Institution sei. Allerdings ist sie Mitglied der öffentlich-rechtlichen Fachhochschulen der Westschweiz.
  • Die Fachhochschule Nordwestschweiz betont, dass wissenschaftliche Integrität nicht verhandelbar sei. Und dass sie die Diskussion darüber führen wolle, ob die heutigen Transparenzregeln in der Forschung genügten und mit welchen Branchen sie zusammenarbeite.
  • Die ETH Zürich schreibt, ihr sei bewusst, «dass bereits der Anschein von Einflussnahme das Vertrauen in die Wissenschaft beeinträchtigen kann. Deshalb gelten für alle Kooperationen klare Regeln zur wissenschaftlichen Integrität, Publikationsfreiheit und Unabhängigkeit.» Der ETH sei bewusst, dass die Tabakonzerne nicht aus Menschenliebe die Zusammenarbeit suchten, «sondern weil sie davon profitieren möchten».
  • Auch andere Institutionen schreiben, dass sie strenge Richtlinien und hohe Standards hätten für wissenschaftliche Unabhängigkeit und Integrität.

Manchmal mischt sich die Tabakindustrie auch in unabhängige Forschung ein. In den 2010er Jahren lancierte Philip Morris Iqos in der Schweiz. In diesem Gerät wird Tabak erhitzt, nicht verbrannt. Der Konzern investierte Milliarden und vermarktet Iqos seither als rauchfreie Neuheit, die im Durchschnitt 95 Prozent weniger Schadstoffe enthalte als Zigaretten.

Philip Morris ging gegen unabhängige Schweizer Studie vor

Reto Auer ist Professor für Hausarzt- und Suchtmedizin. Er und sein Team erhitzten im Labor einen Iqos-Stängel, massen, was dann geschah und kamen zum Schluss: Da entsteht sehr wohl Rauch. Philip Morris verlangte daraufhin, dass die Studie zurückgezogen wird. Stattdessen erschien sie in einem renommierten Magazin. «Ich bin enttäuscht, dass der Konzern Druck aufgesetzt hat, anstatt mich mit wissenschaftlichen Argumenten zu widerlegen», sagt Auer.

Frau hält ein Vape von Iqos in der Hand
Legende: Produziert dieses Erhitzungsgerät Rauch? Philip Morris sagt: Nein. Eine unabhängige Schweizer Studie sagt: Ja. KEYSTONE / CHRISTIAN BEUTLER

Philip Morris hingegen hält gegenüber SRF Investigativ fest, die Studie habe methodologische Fehler, und die Forscher seien nicht darauf eingegangen, beziehungsweise hätten diese Fehler ignoriert.

Auswertungen aus den vergangenen Jahren zeigen grundsätzlich, dass Studien zu Iqos, die von Philip Morris bezahlt worden sind, die Risiken für die Gesundheit insgesamt für geringer halten. Unabhängige Studien hingegen halten sie für grösser.

Philip Morris schreibt dazu: Ihre eigenen Studien zu Iqos zeigten positive Auswirkungen im Vergleich zu Zigaretten. Unabhängige Studien zeigten unterschiedliche Befunde. Aber der allgemeine Trend und die Summe aller Ergebnisse zeige, dass Iqos im Vergleich zu Zigaretten deutlich weniger Schadstoffe freisetze und im Vergleich zum Zigarettenrauchen insgesamt vorteilhaft sei.

Das sagt Philip Morris zu Einflussnahme und Intransparenz

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«Es gibt unabhängige Forschung, und es gibt Auftragsforschung. So ist das nicht nur bei uns, sondern grundsätzlich bei der Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Privatwirtschaft.» Bei der Auftragsforschung sei es legitim, dass Unternehmen an der Konzeption von Studien und der Veröffentlichung von Ergebnissen beteiligt seien.

Es gebe keinen Grund die Verträge offenzulegen, denn wenn die Forschung publiziert sei, könnten ja alle sehen, wer sie bezahlt habe. Ausserdem seien die Verträge privatrechtliche Dokumente. Wolle jemand sie dennoch lesen, könne er oder sie ein Gesuch stellen, welches die Hochschule dann mit dem Auftraggeber prüfe. «Es ist Aufgabe der Öffentlichkeit, zu entscheiden, ob sie unsere Forschung für vertrauenswürdig hält.» 

Zur Frage, warum Philip Morris sich eine Zivilklage vorbehalte, sollte die Fachhochschule Nordwestschweiz Forschungsverträge veröffentlichen, schreibt der Konzern: Im Fall eines Streits müsste die Hochschule klagen gegen die Offenlegung der Verträge und man würde sie dabei unterstützen.

Die Tabakindustrie ist wichtig in der Schweiz, die Politik bietet ihr gute Bedingungen. Gesetze rund ums Rauchen sind hierzulande weniger streng als anderswo. In dieser Gemengelage arbeitet die Tabakindustrie mit Hochschulen zusammen, in Bildung und Forschung.

Diese Zusammenarbeit, sagen Fachleute wie Staatsrechtsprofessor Markus Müller, sei intransparent. Und oft zum kommerziellen Nutzen der Industrie. Müller und Organisationen wie Oxysuisse fordern deshalb schweizweit einheitliche Regeln für die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Tabakindustrie.

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Impressum

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Absolventenhut, am Bändel hängt ein Bündel Zigaretten
Legende: SRF

SRF Investigativ
Sarah Nowotny, Fabian Kohler (Autoren), Nadine Woodtli (Produktion), Fiona Endres (Projektleitung)

Storytellingdesk
Jonas Glatthard (Redaktion), Fabian Schwander (Frontend-Entwicklung), Marina Kunz, Ulrich Krüger (Design)

Rendez-vous, 18.2.2026, 12:30 Uhr

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