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Fachtagung Polizeirecht So befragt man Zeugen, Opfer und Verdächtige

Es gibt klare Regeln, wie man fragen muss, um die Wahrheit ans Licht zu bringen – und keine falschen Geständnisse. An einer Tagung tauschten sich internationale Expertinnen und Experten über begangene Fehler aus.

«Wir hatten ein Problem in Grossbritannien», erzählt Richard Kempshall, Detective Inspector bei der Metropolitan Police England. «Wir bekamen viele Geständnisse – doch später stellte sich, gestützt auf forensische Beweise, heraus, dass sie falsch waren.» Grossbritannien habe Millionen Kompensationen zahlen müssen und das Vertrauen der Bevölkerung verloren. «Die Leute sprachen nicht mehr mit uns», so Kempshall.

Tagung: Einvernahmen in der Strafverfolgung

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Am 13. März 2026 fand in Bern die Fachtagung «Einvernahmen in der Strafverfolgung» statt. Organisiert wurde sie von der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bern, dem Schweizerischen Polizei-Institut, der Kantonspolizei Zürich und der COST Action ImpleMendez.

Quelle: Universität Bern

Er zeigte Fotografien der «Birmingham Six»: Trotz der Schwarz-Weiss-Aufnahmen sind auf den Gesichtern deutlich Blutergüsse und Platzwunden zu erkennen. «Die Polizei hat sie geschlagen, sie am Schlafen gehindert und Hinrichtungen vorgetäuscht.» Also gestanden sie, Bombenanschläge für die IRA begangen zu haben. Nach fast 16 Jahren kamen neue Beweise ans Licht – die Männer wurden freigesprochen.

Jubelnde Männer
Legende: 1991 dürfen die «Birmingham Six» das Gefängnis verlassen. REUTERS/Chris Helgren

Als Grossbritannien anfing, Einvernahmen zu filmen, zeigte sich, wie schlecht diese waren. «Früher gingen Polizisten rein mit der Überzeugung, dass der Verdächtige schuldig sei», so Kempshall. «Heute gehe ich rein mit dem Gedanken: Vielleicht bist du schuldig, vielleicht nicht, ich höre jetzt erst mal einfach zu.»

Tipps für gute Einvernahmen – ebenso wie für gute Gespräche

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  • Seien Sie menschlich
  • Bleiben Sie unvoreingenommen und neugierig
  • Beharren Sie nicht auf der eigenen These
  • Stellen Sie offene Fragen
  • Seien Sie transparent und sagen Sie der Person, wofür Sie die Aussagen verwenden werden
  • Planen Sie die Einvernahme im Voraus strategisch durch
  • Zeichnen Sie die Einvernahme in Ton und Bild auf
  • Trainieren Sie das Einvernehmen mit Testpersonen oder KI

Aufgrund dieser offenen Haltung spiele es heute keine Rolle mehr, ob die Person Opfer, Zeuge oder Verdächtiger ist – die Einvernahmetechnik sei die gleiche.

So sollte man es nicht machen

Personen zu verhören, dafür hat niemand ein Naturtalent – es gibt wissenschaftlich fundierte Regeln. Und diese lassen sich nicht nur auf Verhöre anwenden, sondern auf jedes gute Gespräch.

Stellen wir uns die Befragung eines mutmasslichen Vergewaltigers vor:

«Das Opfer sagt, Sie hätten es an die Brüste gefasst. Was sagen Sie dazu?»

«Nichts.»

Auf diese Weise kommt kein gutes Gespräch in Gang. Besser ist es, ergebnisoffen und suggestionsfrei zu fragen, zum Beispiel: «Erzählen Sie mal.»

Gerichtszeichnung eines Angeklagten mit Anwalt
Legende: Falsche Zeugenaussagen: Ein Vater sah 1980 den Mörder seiner Tochter vom Tatort davonrennen und identifizierte ihn aufgrund äusserer Merkmale als den Kindermörder Werner Ferrari (links). Aufgrund von DNA-Beweisen sprach ihn das Bezirksgericht Baden 2007 in einem Revisionsprozess frei. Ferrari blieb im Gefängnis – wegen anderer Morde –, wo er starb. KEYSTONE/Walter Bieri/Zeichnung Linda Graedel

«Wir wollen etwas von der Person, die wir einvernehmen», sagte Christoph Ill, Präsident der Schweizerischen Staatsanwaltschaftskonferenz. «Wir müssen der Person nicht sagen, was für ein miserabler Kerl er ist, das ist Aufgabe des Gerichts.» Man sollte Menschen mögen, gerne mit ihnen sprechen, zuhören können, interessiert sein und das auch zeigen können. «Wenn Sie lieber Tiere haben, sind Sie im falschen Beruf.»

Schweiz ein Vorbild bei Befragung von Kindern

Die meisten Länder machen vergleichbare Erfahrungen: Schlechte Einvernahmen bringen nicht die Wahrheit ans Licht – sondern Lügen, Missverständnisse und Falschaussagen. Im schlimmsten Fall resultieren daraus Fehlurteile.

Man sieht einer Person nicht an, dass sie lügt

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Es hält sich das hartnäckige Vorurteil, erfahrene Ermittlerinnen und Ermittler würden aufgrund von Mimik, Körperhaltung oder körperlichen Reaktionen erkennen, ob jemand lüge. «Nonverbale Lügensignale existieren nicht», sagt jedoch Christoph Ill, Präsident der Schweizerischen Staatsanwaltschaftskonferenz. «Es handelt sich um Alarmsignale des Körpers. Aber ob diese auf eine Lüge oder Stress zurückzuführen sind, weiss man nicht.» Es sei deshalb schwierig, Falschaussagen zu erkennen. «Der zentrale Weg führt über einen Abgleich mit anderen Beweisen.» Widerspreche eine Aussage allem anderen, was die Ermittler sonst noch an Beweisen hätten, sei sie wohl falsch.

«In den westeuropäischen Ländern sind wir alle an einem ähnlichen Punkt: Wir haben unsere Mängel erkannt», sagt Jonas Weber, Professor für Strafrecht und Kriminologie an der Universität Bern. Er hat die Tagung organisiert und internationale Gäste zu einem Austausch eingeladen.

Zwar habe die Schweiz noch Nachholbedarf bei der audiovisuellen Aufnahme von Einvernahmen. «Sehr gut ist die Schweiz hingegen bei der Einvernahme von Kindern und Opfern von Sexualstraftaten.» Da habe die Schweiz besondere Regelungen im Gesetz.

Das sagte auch Lennart May von der Medical School Berlin: «Die Schweiz ist vorbildlich bei der Befragung von Kindern und kennt spezielle Trainings.» Polizistinnen und Polizisten trainieren das Befragen von Kindern sogar mit KI. Laut May könnte Deutschland da der Schweiz noch was abschauen.

SRF3, 9.3.2026, 23:05 Uhr; herb

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