«Wir hatten ein Problem in Grossbritannien», erzählt Richard Kempshall, Detective Inspector bei der Metropolitan Police England. «Wir bekamen viele Geständnisse – doch später stellte sich, gestützt auf forensische Beweise, heraus, dass sie falsch waren.» Grossbritannien habe Millionen Kompensationen zahlen müssen und das Vertrauen der Bevölkerung verloren. «Die Leute sprachen nicht mehr mit uns», so Kempshall.
Er zeigte Fotografien der «Birmingham Six»: Trotz der Schwarz-Weiss-Aufnahmen sind auf den Gesichtern deutlich Blutergüsse und Platzwunden zu erkennen. «Die Polizei hat sie geschlagen, sie am Schlafen gehindert und Hinrichtungen vorgetäuscht.» Also gestanden sie, Bombenanschläge für die IRA begangen zu haben. Nach fast 16 Jahren kamen neue Beweise ans Licht – die Männer wurden freigesprochen.
Als Grossbritannien anfing, Einvernahmen zu filmen, zeigte sich, wie schlecht diese waren. «Früher gingen Polizisten rein mit der Überzeugung, dass der Verdächtige schuldig sei», so Kempshall. «Heute gehe ich rein mit dem Gedanken: Vielleicht bist du schuldig, vielleicht nicht, ich höre jetzt erst mal einfach zu.»
Aufgrund dieser offenen Haltung spiele es heute keine Rolle mehr, ob die Person Opfer, Zeuge oder Verdächtiger ist – die Einvernahmetechnik sei die gleiche.
So sollte man es nicht machen
Personen zu verhören, dafür hat niemand ein Naturtalent – es gibt wissenschaftlich fundierte Regeln. Und diese lassen sich nicht nur auf Verhöre anwenden, sondern auf jedes gute Gespräch.
Stellen wir uns die Befragung eines mutmasslichen Vergewaltigers vor:
«Das Opfer sagt, Sie hätten es an die Brüste gefasst. Was sagen Sie dazu?»
«Nichts.»
Auf diese Weise kommt kein gutes Gespräch in Gang. Besser ist es, ergebnisoffen und suggestionsfrei zu fragen, zum Beispiel: «Erzählen Sie mal.»
«Wir wollen etwas von der Person, die wir einvernehmen», sagte Christoph Ill, Präsident der Schweizerischen Staatsanwaltschaftskonferenz. «Wir müssen der Person nicht sagen, was für ein miserabler Kerl er ist, das ist Aufgabe des Gerichts.» Man sollte Menschen mögen, gerne mit ihnen sprechen, zuhören können, interessiert sein und das auch zeigen können. «Wenn Sie lieber Tiere haben, sind Sie im falschen Beruf.»
Schweiz ein Vorbild bei Befragung von Kindern
Die meisten Länder machen vergleichbare Erfahrungen: Schlechte Einvernahmen bringen nicht die Wahrheit ans Licht – sondern Lügen, Missverständnisse und Falschaussagen. Im schlimmsten Fall resultieren daraus Fehlurteile.
«In den westeuropäischen Ländern sind wir alle an einem ähnlichen Punkt: Wir haben unsere Mängel erkannt», sagt Jonas Weber, Professor für Strafrecht und Kriminologie an der Universität Bern. Er hat die Tagung organisiert und internationale Gäste zu einem Austausch eingeladen.
Zwar habe die Schweiz noch Nachholbedarf bei der audiovisuellen Aufnahme von Einvernahmen. «Sehr gut ist die Schweiz hingegen bei der Einvernahme von Kindern und Opfern von Sexualstraftaten.» Da habe die Schweiz besondere Regelungen im Gesetz.
Das sagte auch Lennart May von der Medical School Berlin: «Die Schweiz ist vorbildlich bei der Befragung von Kindern und kennt spezielle Trainings.» Polizistinnen und Polizisten trainieren das Befragen von Kindern sogar mit KI. Laut May könnte Deutschland da der Schweiz noch was abschauen.