Angekündigt ist ein Vortrag. Im Schulhaus Vinci in Suhr AG ist eine vermeintliche Influencerin zu Gast und erzählt den Jugendlichen im Schulzimmer von ihrer Arbeit. Wie man Aufmerksamkeit generiert, wie Fake News und Desinformation wirken.
Doch dann kommt ein Mann ins Klassenzimmer und beginnt mit der Influencerin zu streiten. «Du profitierst von mir und meiner Gutherzigkeit», schnauzt die Influencerin den Mann an. «Du bist scheinheilig. Ich wünsche mir doch auch ganz einfache Zusammenhänge», erwidert dieser. «Hör auf», sagt sie. «Ich brauche diese Schüler auf meiner Seite.» Ein Wort ergibt das andere, der Streit wird immer wilder.
Theater im Klassenzimmer
Den Vortrag haben sich die Schülerinnen und Schüler bestimmt anders vorgestellt. Doch es ist gar kein Vortrag. Was an der Oberstufe in Suhr gezeigt wird, ist ein Theaterstück. Die vermeintliche Influencerin und der Störenfried sind Schauspieler vom Theater Marie.
Mit dem Schauspiel im Klassenzimmer wollen das Aargauer Theater Marie und die Bühne Aarau den Jugendlichen zeigen, dass nicht alles so ist, wie es scheint. Nicht einmal dieser angebliche Vortrag in der Schule. Ziel ist es, die Schülerinnen und Schüler zum kritischen Denken zu animieren.
Fake oder real? Finde den Unterschied ...
Das Thema Fake News beschäftigt die Jugendlichen. «Manche Videos sind so gut gemacht, dass man gar nicht erkennt, ob sie echt oder nur fake sind», sagt Emilia Jenny (14). Sie habe sich schon von einem Video täuschen lassen, gibt die Schülerin zu. «Doch ich habe es dann überprüft und festgestellt, dass es nur ein Fake war.»
«Das könnte ein grösseres Problem werden», sagt ihr Klassenkamerad Aurelio Radaelli (14). «Viele Leute haben gemerkt, dass man mit Fake News weiterkommt als mit den echten News.» Die Leute wollten unterhalten werden. Er kenne etliche Influencer, die mehrheitlich über Ereignisse berichten würden, die gar nie passiert seien. «Und sie kriegen dafür Unmengen von Likes und Views.»
«KI-Videos werden immer besser»
Er sei im Internet auch schon Fake News begegnet, sagt Julian Herger (14). «Es gibt einige KI-Videos, die sehr gut gemacht sind. Es wird immer schwieriger, den Unterschied zu erkennen, weil diese KI-Videos immer besser werden.» Insofern sei es sicherlich gut, dass man in der Schule lerne, sich darüber Gedanken zu machen.
Edric Leimgruber (14) ist regelmässig auf Social Media unterwegs und stösst dabei immer wieder auf «Sachen, die nicht stimmen», wie er sagt. Er begeistere sich für den Rennsport. Dazu würden auf vielen angeblichen Fachkanälen Neuigkeiten verbreitet, die sich später als falsch herausstellten. In der Regel könne er Fake News gut identifizieren, trotzdem macht er sich Sorgen: «Es scheint, als wäre es vielen Leuten egal, ob etwas fake oder echt ist.»
Auf der Suche nach Orientierung
Was stimmt? Was ist gelogen? Wem kann man überhaupt noch glauben? Diese Unsicherheit sei gerade für Jugendliche schwierig auszuhalten, sagt Olivier Räber, Mediensprecher bei Pro Juventute Schweiz. «Wenn Jugendliche nicht mehr wissen, was richtig und was falsch ist, wenn sie ihr Vertrauen verlieren, dann könnten sie auch ihr Vertrauen in die Gesellschaft verlieren.»
Letztlich leide unsere Demokratie unter der Verbreitung von Fake News. Darum sei es sehr wichtig, dass an den Schulen auch Medienkompetenzen im Umgang mit News – echten, wie falschen – vermittelt würden, heisst es bei Pro Juventute.