Dieses Jahr ist die Gotthardpassstrasse so früh wie seit 15 Jahren nicht mehr befahrbar. Das freut nicht nur leidenschaftliche Passfahrerinnen und -fahrer, sondern auch viele, die über die kommenden Feiertage in den Süden fahren wollen. SRF-Tessin-Korrespondent Iwan Santoro sagt, was die Passstrasse am potenziellen Stau ändert.
Entlastet die Passstrasse den Tunnel?
Ja, viele wählen den Weg über den Pass, wenn es vor dem Tunnel zu viel Stau hat. Eine Faustregel lautet: So ab 4 Kilometern Stau – rund eine halbe Stunde Stau – lohnt sich die Fahrt über den Gotthardpass, denn die Fahrt dauert etwa eine halbe Stunde länger als durch den Tunnel bei freier Fahrt. Doch nicht alle freuen sich auf die Passöffnung. Die Bewohner entlang der Autobahn A2, in der Leventina und im Urnerland ärgern sich über den Ausweichverkehr, der in den letzten Jahren immer schlimmer wurde. Man verliess die Autobahn, fuhr durch die Dörfer und bog dann bei der letzten Einfahrt vor dem Tunnel wieder auf die Autobahn ein. Deshalb gibt es seit ein paar Jahren ein neues Konzept. Es wurde eine verlängerte Ausfahrtspur geschaffen, die etwa 3 Kilometer lang ist. Wer sich für den Pass entscheidet, kann sie benutzen und so an der Kolonne vorbeifahren. Zurück auf die Autobahn kann er aber nicht mehr. Dasselbe Konzept gibt es auch auf der Südseite.
Weshalb schliesst der Pass überhaupt?
Ein Ganzjahresbetrieb wäre sehr teuer. Es stimmt, der Stau hat sich in den letzten zehn bis zwölf Jahren verdreifacht. An Ostern zum Beispiel sind Staus über 20 Kilometer keine Seltenheit. Doch der Bundesrat hält wenig von der Idee, einen Ganzjahresbetrieb zu etablieren. In seiner Antwort auf die entsprechende Motion, die im letzten Jahr eingereicht wurde, warnt er vor den immensen Kosten. So müsste die 26 Kilometer lange Passstrasse nicht nur die ganze Zeit geräumt und schneefrei gehalten werden, es bräuchte auch Investitionen von rund 300 Millionen Franken für zusätzliche Galerien und Tunnel, liegt der Pass doch auf 2106 Metern über Meer. Es wäre unverhältnismässig, diese Ausbauten nur für ein paar Stautage über Ostern vorzunehmen, sagt der Bundesrat und ist deshalb dagegen. Andere wie Pro Alps argumentieren, ein dauerhaft geöffneter Gotthardpass würde gegen die Verfassung verstossen, da es sich dabei um einen Kapazitätsausbau durch die Alpen handeln würde. Die Motion ist noch hängig.
Wann öffnet der Pass im Normalfall?
Ziel ist es, den Pass vor Auffahrt zu öffnen, sicher aber vor Pfingsten. Pfingsten hat in der Vergangenheit meistens geklappt, Auffahrt nicht immer, weil diese Feiertage von Jahr zu Jahr variieren. In der Regel ist der Pass von Ende Mai bis Ende Oktober offen.
Wieso wird die Passstrasse heuer so früh geöffnet?
Es hatte viel weniger Schnee als in anderen Jahren und man ist deshalb mit den Räumungs- und Instandsetzungsarbeiten viel schneller vorwärtsgekommen als geplant. Dieses Jahr wird der Pass bereits Anfang Mai geöffnet, das ist eine Woche früher als im letzten Jahr und drei Wochen früher als 2024. Nur einmal wurde der Gotthardpass noch früher geöffnet als in diesem Jahr – nämlich vor 15 Jahren, also 2011. Da fuhren die ersten Autos bereits am 30. April über den Pass.