In Genf zählt eine Schulleiterin am Montagmorgen ihre Schülerinnen und Schüler. Das Resultat: 250 sind an-, 88 abwesend. Und das aus gutem Grund: Der Kanton Genf hat letzte Woche einen «Congé de chaleur», also Hitzeferien, ausgerufen. Für sämtliche Kinder der ersten und zweiten Primarschule wurde das Schulobligatorium aufgehoben. Die Schulen bieten noch einen Hütedienst, aber keinen Klassenunterricht mehr an.
In der Waadt sieht es in einigen Schulhäusern genauso aus. Zwar sind aktuell noch viele Lehrerinnen und Lehrer mit ihren Klassen auf Schulreisen oder Exkursionen, aber für gewisse Lehrpersonen und Klassen wird es keine Rückkehr ins Schulzimmer geben. Leiterinnen und Leiter von Primar- und Oberstufenschulhäusern teilten den Eltern mit, dass sie den Schulbetrieb am Mittwoch einstellen, obwohl die Sommerferien offiziell erst am Freitag beginnen.
Hitzelimit überschritten
Das sei rechtens, bestätigt Cédric Blanc, Schulverantwortlicher der Waadtländer Verwaltung. Wenn die Durchschnittstemperatur während zehn Tagen über 25 Grad betrage, auch während der Nacht, dürften Waadtländer Schulleiterinnen und Schulleiter Hitzeferien beschliessen.
Natürlich sähe es Blanc lieber, dass sein Lehrpersonal Alternativen fände, zum Beispiel den Unterricht oder die Infrastruktur in den Schulzimmern anpasst. Das sei aber in manchen Schulhäusern schlicht nicht möglich, so Blanc. Etwa, wenn sie sonnenexponiert mitten in der Stadt stünden und es keine Schattenplätze gebe.
Regionaler Flickenteppich
David Rey, Präsident der Westschweizer Lehrerinnen- und Lehrergewerkschaft und Oberstufenlehrer im Wallis, ist trotzdem irritiert. Es sei bizarr, dass in der Romandie in den einen Schulhäusern unterrichtet werde und andere Hitzeferien ausrufen würden. Natürlich sei die Situation von Schulhaus zu Schulhaus unterschiedlich, aber es brauche gleiche Regeln für alle, betont er (siehe Box). Statt Hitzeferien auszurufen, plädiert er dafür, dass Lehrpersonen den für die Schulhäuser verantwortlichen Behörden mitteilen, welche Hitzeschutzmassnahmen sie brauchen.
Unterstützung bekommt er von Dagmar Rösler, der Präsidentin des Verbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz. Eine Rückkehr zu den Hitzeferien, wie es sie in der Schweiz früher gab, brauche es nicht, jedoch einen landesweiten «Masterplan», wie die Schulen mit Hitzewellen umgehen sollen. Der Plan müsse den Schulen aufzeigen, welche Massnahmen sie im Fall von Hitzetagen ergreifen müssen.
Für Büroräume gebe es ja auch Schutzmassnahmen: «Weshalb nicht auch für Schulen?», fragt Dagmar Rösler. Noch liege ein solches Dokument nicht vor, obwohl es Messungen gab, die für Innenräume von Schulen eine Temperatur von 42 Grad Celsius anzeigten.
Sanierung oder Umrüstung von Schulhäusern
Dagmar Rösler nimmt auch die Gemeinden und Kantone als Besitzer der Schulhäuser in die Pflicht. Vielerorts seien Schulhäuser heute weder ausgerüstet noch vorbereitet, dass darin trotz Hitze ein geregelter Unterricht stattfinden kann. Man müsse Schulhäuser sanieren oder aufrüsten.
Die oberste Schweizer Lehrerin nimmt hierbei auch den Bund in die Pflicht. Gewisse Bundesämter sollten den Kantonen und Gemeinden aufzeigen, was zu tun sei, und damit vom Genfer- bis zum Bodensee für kühle Verhältnisse sorgen.