Im schweizerischen Vacallo, nahe der italienischen Grenze, herrscht gähnende Leere an den Zapfsäulen. Der Grund: Die italienische Regierung hat die Mineralölsteuer vorübergehend gesenkt, was den Benzinpreis jenseits der Grenze deutlich attraktiver macht.
Eine Passantin erzählt, dass sie in Italien einkaufe und tanke. Da sie ohnehin hier vorbeikomme, tanke sie jede Woche. Auf die Frage, ob sich das lohne, antwortet sie: «Ja, der Unterschied beträgt fast 20 Cent, viele tanken jenseits der Grenze.»
Italien lockt Tessiner, Schweiz zieht Deutsche an
Ein Schweizer, der ebenfalls in Italien tankt, bestätigt die Entwicklung. Er erklärt, der Trend verlaufe nun umgekehrt; früher seien alle von Italien in die Schweiz gekommen zum Tanken. Jetzt fahre er als Schweizer nach Italien, weil es für ihn günstiger sei. Er spare fast 15 Prozent, was pro Füllung mindestens zehn Franken ausmache.
Doch der Tanktourismus ist keine Einbahnstrasse. An der Schweizer Nordgrenze, beispielsweise in Kreuzlingen TG, zeigt sich ein ähnliches Bild – nur umgekehrt. Hier kostet der Liter Benzin auf der Schweizer Seite umgerechnet bis zu 30 Rappen weniger als in der deutschen Nachbarschaft.
Wer vom Tanktourismus wirklich profitiert
Daniel Grossheutschi, Chefeinkäufer eines Ostschweizer Treibstoffhändlers, beobachtet einen deutlichen Anstieg deutscher Kundschaft: «Die Zahl der Kundinnen und Kunden aus Deutschland liegt zwei bis drei Mal höher seit Kriegsausbruch.»
Der grösste Nutzniesser sei grundsätzlich der Staat, der von zusätzlichen Mehrwertsteuer- und Mineralölsteuerabgaben profitiere, so Grossheutschi. Er fügt hinzu, dass durch den deutschen Tanktourismus aber auch seine Branche profitiere: «Wir profitieren in dem Sinn, dass wir eine grössere Menge verkaufen. Das hilft uns schon.»
Konjunkturforscher Jan-Egbert Sturm erklärt die Unterschiede im Verhalten der Märkte. Er sagt, der Schweizer Benzinmarkt verhalte sich preislich träger als jener in Deutschland. Hinzu komme die extreme Preissensibilität der deutschen Kundschaft.
Preise ändern in Deutschland schneller
In Deutschland seien die Systeme so, dass sich die Preise relativ schnell und rasant an der Tankstelle ändern könnten, so Sturm. «Das ist auf der Schweizer Seite viel weniger stark der Fall.
Und andererseits vermutet er, dass die Deutschen insgesamt etwas panikartiger reagiert hätten: «Das Resultat war, dass alle gleichzeitig an die Tankstelle gefahren sind.»
Wie sich der Krieg im Iran auf Benzinpreise und Tanktourismus beidseits der Grenzen weiterentwickeln wird, lässt sich derzeit kaum prognostizieren.