Das Phänomen nimmt zu und weitet sich aus. Das zeigen die ersten Resultate einer Studie zu Flusshitzewellen. «Dieses neue Phänomen wird unterschätzt», sagt Manuela Brunner, ETH-Professorin für Hydrologie und Klimafolgen, die das Nationalfonds-Projekt am Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF leitet.
SRF News: Vor kurzem war die Aare so warm wie seit 1975 nicht mehr. Reden wir da schon von einer Flusshitzewelle?
Manuela Brunner: Der Wert von 20 Grad Ende Mai ist für diese Jahreszeit rekordverdächtig. Von einer Hitzewelle spricht man, wenn solche extremen Temperaturen mehrere Tage anhalten, was hier der Fall war. Die genaue Definition ist, dass ein Temperaturschwellenwert für etwa fünf bis sieben Tage überschritten wird.
Sie bezeichnen Flusshitzewellen als unterschätztes Risiko. Warum?
Man sieht und spürt sie nicht direkt, anders als eine Hitzewelle in der Luft oder ein Hochwasser. Die Folgen betreffen vor allem die Lebewesen in den Flüssen und die Energieproduktion. Das nimmt die Gesellschaft nicht sofort oder nur verzögert wahr.
Flusshitzewellen werden definitiv häufiger und schwerer.
Wie dramatisch ist die Lage bereits?
In den letzten 40 Jahren hat die mittlere Wassertemperatur in Schweizer Gewässern bereits um zwei Grad zugenommen. Das ist eine Zunahme von rund 0,5 Grad pro Jahrzehnt. Flusshitzewellen werden definitiv häufiger und schwerer.
Letzte Woche hat es nun geregnet. Entspannt das die Situation nicht?
Nicht wirklich. Es ist ein Tropfen auf den heissen Stein. Die Lage hat sich nur leicht entspannt. Viele Mittellandflüsse führen immer noch sehr wenig Wasser, weil es zuvor zu trocken war. Eine Woche Regen reicht da bei weitem nicht.
Führt denn jede Hitzewelle in der Luft automatisch zu einer im Fluss?
Nein. Die Lufttemperatur ist zwar ein entscheidender Faktor, aber wir sehen, dass nur rund jede zweite Hitzewelle in der Luft auch zu einer Flusshitzewelle führt. Entscheidend sind auch andere Faktoren wie ein tiefer Wasserstand oder wenig kühles Schmelzwasser aus den Bergen.
Gibt es solche Flusshitzewellen auch im Winter?
Ja, denn eine Hitzewelle bedeutet nur, dass die Temperatur für die jeweilige Jahreszeit aussergewöhnlich hoch ist. Das ist nicht an den Sommer gebunden. Fischeier zum Beispiel, die im Winter im Sediment abgelegt werden, sind sehr temperaturempfindlich. Wenn sich ein Gebirgsbach dann von üblichen 5 Grad auf aussergewöhnliche 10 Grad erwärmt, kann das bereits grosse Schäden anrichten.
Das AKW Beznau musste seine Leistung drosseln, weil das Kühlwasser aus der Aare zu warm war, um die gesetzlichen Grenzwerte noch einzuhalten.
Was sind die konkreten Folgen dieser Erwärmung?
Für Fische wie die Bachforelle wird es ab 20 Grad stressig, ab 25 Grad kann es tödlich werden. Aber auch unsere Infrastruktur ist betroffen. So musste das AKW Beznau bereits seine Leistung drosseln, weil das Kühlwasser aus der Aare zu warm war, um die gesetzlichen Grenzwerte noch einzuhalten.
Was ist die wirksamste Massnahme gegen die Erwärmung der Flüsse?
Die Beschattung ist die effektivste Massnahme. Die Sonneneinstrahlung ist einer der wichtigsten Faktoren für die Entstehung von Flusshitzewellen. Bäume und Sträucher nahe am Gewässer spenden Schatten und sind daher eine sehr wirkungsvolle Massnahme.
Das Gespräch führte Karoline Arn.