Tausend Frauen für den Friedensnobelpreis nominieren – das war 2005 die Idee der ehemaligen SP-Nationalrätin und «Europarätin» Ruth-Gaby Vermot. Seit über 20 Jahren setzt sie sich dafür ein, dass Frauen bei Friedensverhandlungen mit am Tisch sitzen – auch bei den Kriegen gegen die Ukraine oder im Sudan. Sie erklärt, warum ihrer Meinung nach Frauen für den Frieden unabdingbar sind.
SRF News: Sie engagieren sich seit über 40 Jahren für soziale Gerechtigkeit. Woher kommt dieser Elan?
Ruth-Gaby Vermot: Das ist in meiner Lebensgeschichte verankert. Wenn wir Kinder uns gestritten haben, hat uns unsere Mutter auseinandergenommen und gesagt: «So, jetzt macht ihr Frieden.» Ich wollte damals überhaupt keinen Frieden machen, sondern mich weiter streiten. Aber dieser Ausdruck «Frieden machen» ist mir in den Ohren geblieben.
Ein Frieden, der von Frauen mitgestaltet wird, hält, weil er die ganze Gesellschaft im Blick hat.
Sie sagen, Frauen seien in Friedensverhandlungen unentbehrlich. Warum?
Wenn Frauen an Verhandlungstischen sitzen, stellen sie andere Forderungen. Sie sprechen über den Alltag: über Bildung, das Gesundheitswesen, den Schutz vor Gewalt. Es geht ihnen um die «Alltagssicherheit». Die Männer verhandeln oft nur über Waffen und Machtverteilung. Ein Frieden, der von Frauen mitgestaltet wird, ist weniger brüchig. Er hält, weil er die ganze Gesellschaft im Blick hat.
Die UNO‑Resolution 1325 fordert seit über 20 Jahren gleichberechtigte Beteiligung von Frauen an Friedensprozessen. Warum ist es immer noch die Ausnahme?
Weil die Friedensarbeit von Frauen unsichtbar ist. Sie sind die «Trümmerfrauen», die auch im Krieg das Leben am Laufen halten, die Essen organisieren, Kinder versorgen und die Gemeinschaft reparieren. Die Frauen müssen die Politiker ansprechen und sagen: «Ihr müsst unsere Forderungen aufnehmen und uns mit an die Verhandlungstische nehmen.» Das ist ein zentraler Aspekt unserer Arbeit.
Können Sie ein konkretes Beispiel nennen, wie sich Frauen einbringen?
Im Sudan gibt es eine sogenannte «Shuttle-Diplomatie». Frauen reisen zu den Verhandlungsorten und konfrontieren die Kriegsparteien immer wieder mit deren Forderungen. In der Ukraine vernetzen wir Frauen aus dem Exil, Vertriebene und solche, die noch an der Front sind. Sie erarbeiten gemeinsam einen Weg zum Frieden, auch wenn ihre Sichtweisen anfangs unterschiedlich sind. Es geht darum, eine gemeinsame Stimme zu finden.
Es macht mich wütend, dass vor allem Frauen Friedensarbeit leisten, aber die Männer am Verhandlungstisch sitzen.
In den grossen Konflikten hört man vor allem Männer. Wo sind die Frauen?
Unsere afghanische Vorstandsfrau sagte einmal: «Männer machen Krieg und haben das Gefühl, sie können auch Frieden machen.» Frieden ist keine Selbstverständlichkeit, sondern unglaublich viel Arbeit. Und es macht mich wütend, dass vor allem Frauen diese Friedensarbeit leisten, aber die Männer am Verhandlungstisch sitzen.
Frieden kann man nur über Dialog erreichen, auch mit dem Feind. Und an diesem Dialog müssen Frauen beteiligt sein.
Sind Frauen einfach die besseren Menschen?
Nein, und Gott sei Dank nicht. Aber Frauen haben durch ihre Aufgaben oft andere Sensibilitäten dafür, was eine Gesellschaft braucht. Sie leisten unendlich viel Sorgearbeit, oft unbezahlt. Dieses Wissen und diese Empathie sind für einen stabilen Frieden entscheidend. Frieden kann man nur über Dialog erreichen, auch mit dem Feind. Und an diesem Dialog müssen Frauen beteiligt sein.
Das Gespräch führte Karoline Arn.