Im Restaurant «La Vie» auf dem Bremgarten-Friedhof in Bern herrscht schon vormittags reges Treiben. Gäste trinken Kaffee, lesen Zeitung, arbeiten am Laptop. Rundherum: Wände mit Nischen.
Hier standen einst die Urnen mit der Asche verstorbener Menschen. Jetzt füllen Vasen und Kerzen die Lücken. Seit Anfang März ist in den beiden ehemaligen Urnenhallen ein Restaurant beheimatet.
Gespräche über das Sterben
Die meisten Gäste seien positiv überrascht, wenn sie hierherkämen, sagt Mirjam Veglio, die das Projekt als Geschäftsführerin der Bernischen Genossenschaft für Feuerbestattung mitinitiert hat.
Manche hätten jedoch auch Bedenken, ob ein Restaurant tatsächlich zu einem Friedhof passe. «Die Grundhaltung ist häufig: Geht das und warum? Dann muss man den Leuten erklären, dass wir hier einen Ort für Offenheit schaffen wollen.» Die meisten kämen nach kurzem Überlegen zum Schluss: «Eigentlich ist das eine gute Idee.»
Fragen zum eigenen Ableben kommen beiläufig beim Mittagessen auf.
Das Restaurant ermögliche niederschwellige Gespräche über das Sterben und Abschiednehmen. Mirjam Veglio erzählt von einem jungen Paar, das kürzlich zu Gast war. «Sie diskutierten, wie sie bestattet werden möchten, und ob ein Testament nötig sei.» Genau deshalb sei der Friedhof ein perfekter Ort für ein Restaurant: «Fragen zum eigenen Ableben kommen beiläufig beim Mittagessen auf.»
Raum für Ruhe – und Leben
Die Kombination von Leben und Tod überzeugt auch die Gäste, die an diesem Vormittag im «La Vie» sind. «Das Restaurant schafft eine Nähe zum Tod und bricht damit ein Tabu», sagt ein Vater, der mit seinem Sohn am Tisch sitzt. Und eine Frau etwas weiter hinten schätzt die intime Stimmung in den umgestalteten Urnenhallen: «Nach einer Trauerfeier würde ich gerne hierherkommen.»
Wir haben bereits eine Hochzeit in Planung.
Das «La Vie» befindet sich direkt neben dem Krematorium. Heisst: Auf der einen Seite werden Verstorbene kremiert, auf der anderen Seite wird gegessen und getrunken.
«Das geht gut aneinander vorbei», ist auch Küchenchef Stefan Wälti überzeugt. «Und wenn Leute mehr Ruhe brauchen, können wir einen Raum auch abschliessen.» Wobei das Restaurant nicht nur für Trauerfeiern gebucht werden kann. Es sei grundsätzlich für verschiedene Anlässe offen. «Zwar werden es eher ruhigere Veranstaltungen sein, aber wir haben auch bereits eine Hochzeit in Planung.»
Der Friedhof als Ort also, wo Neuanfänge und Abschiede beide Platz haben.