An Pfingsten vor 50 Jahren wurden in Seewen fünf Menschen ermordet. Einer der Hauptverdächtigen, Carl Doser, tauchte ein Jahr nach der Tat unter und bleibt trotz internationaler Fahndung bis heute verschwunden. Privatsphäre-Experte Frank M. Ahearn weiss, wie so etwas geschehen konnte.
SRF News: Wie ist es möglich, dass Carl Doser einfach verschwinden konnte?
Frank M. Ahearn: Vor 50 Jahren war es leicht, unterzutauchen. Es war einfacher, sich eine neue Identität zuzulegen, weil Pässe, Ausweise und Geburtsurkunden weniger streng kontrolliert wurden als heute. Was jemand wie Doser vermutlich tat: Er ging auf einen Friedhof, suchte dort nach einem Kind, das jung gestorben war, und beschaffte sich dessen Geburtsurkunde. Darauf baute er seine neue Identität und beantragte einen Pass.
Und dann?
Mit einem Pass konnte er damals ganz einfach aus der Schweiz ausreisen. Wenn jemand damals die Schweiz verliess und sich etwa in Spanien versteckte, konnte er relativ leicht verschwinden. Es gab keine identifizierenden Kontrollen in Zügen und Bussen, so wie wir sie heute kennen. Das war also nicht schwer. Aber das ist schon lange her.
Was war damals noch anders?
Es gab damals noch nicht die Technologie, mit der man Leute finden kann. Und keine Sozialen Medien, in denen Leute das Foto eines mutmasslichen Täters auf der ganzen Welt verbreiten. Der Fünffachmord war wahrscheinlich eine sehr begrenzte Geschichte innerhalb der Schweiz. Die Nachricht ging vielleicht durch Europa, aber dann ist die Geschichte wahrscheinlich einfach verblasst.
Das wäre heute so nicht mehr möglich – dank neuer Technologien.
Anders als heute, wo sich so etwas verbreitet und viral geht. Und das ist der Grund, warum damals viele Leute mit Verbrechen davongekommen sind und spurlos verschwinden konnten.
Hätte Carl Doser heute einen Mord begangen, könnte er sich der Verantwortung also nicht mehr entziehen, indem er einfach untertaucht?
Das wäre heute so nicht mehr möglich – dank neuer Technologien. Es wäre viel schwieriger, sich eine falsche Identität zuzulegen. An Flughäfen und Bahnhöfen gibt es Gesichtserkennung. Wäre Doser damals aus dem Bahnhof in Berlin getreten, hätte das keine Folgen gehabt. Heute braucht Interpol bloss eine Gesichtserkennung anzufordern, um zu wissen, wo er sich aufgehalten hat.
Zudem könnte Dosers Gesicht heute auf X bekannt werden – weil es sich um ein schreckliches Verbrechen handelt – und dann könnte ihn jemand auf der Strasse erkennen.
Eine weitere neue Schwachstelle für Untergetauchte sind Banken. Heute wissen die Banken viel genauer, wer ihre Kundinnen und Kunden sind oder wem sie Geld überweisen. Diese Dinge sind viel stärker reguliert als in der Vergangenheit.
Wenn ein 80-Jähriger in Portugal stirbt, macht niemand einen DNA-Abgleich.
Es gibt heute Möglichkeiten, die es damals nicht gab. Also ja, heute ist es definitiv schwieriger.
Carl Doser ist heute fast 80 Jahre alt – sofern er noch lebt. Müsste seine wahre Identität nicht spätestens bei seinem Tod auffliegen?
Nicht unbedingt. Die zentrale Frage ist, ob jemand seine derzeitige Identität kennt. Wenn er unter falschem Namen irgendwo in Portugal lebt und stirbt, wird das niemand in der Schweiz erfahren. Die Behörden haben vermutlich keine DNA von Doser. Und selbst wenn sie DNA von Familienangehörigen nehmen, würde das nicht viel ändern. Wenn ein 80-Jähriger in Portugal stirbt, macht niemand einen DNA-Abgleich. Es gibt keinen Grund, zu hinterfragen, warum dieser 80 Jahre alte Mann gestorben ist, ob er unter falscher Identität gelebt hat und wer er wirklich war.
Das Gespräch führte Sibilla Bondolfi.