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Fünffachmord Seewen Wie gelingt es, als Mord-Verdächtiger jahrelang unterzutauchen?

An Pfingsten vor 50 Jahren wurden in Seewen fünf Menschen ermordet. Einer der Hauptverdächtigen, Carl Doser, tauchte ein Jahr nach der Tat unter und bleibt trotz internationaler Fahndung bis heute verschwunden. Privatsphäre-Experte Frank M. Ahearn weiss, wie so etwas geschehen konnte.

Frank M. Ahearn

Privatsphäre-Experte

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Ahearn war 20 Jahre als Zielfahnder für das FBI tätig und hilft heute Personen dabei, zu verschwinden.

SRF News: Wie ist es möglich, dass Carl Doser einfach verschwinden konnte?

Frank M. Ahearn: Vor 50 Jahren war es leicht, unterzutauchen. Es war einfacher, sich eine neue Identität zuzulegen, weil Pässe, Ausweise und Geburtsurkunden weniger streng kontrolliert wurden als heute. Was jemand wie Doser vermutlich tat: Er ging auf einen Friedhof, suchte dort nach einem Kind, das jung gestorben war, und beschaffte sich dessen Geburtsurkunde. Darauf baute er seine neue Identität und beantragte einen Pass.

Der Fünffachmord von Seewen

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Am Samstag vor Pfingsten, dem 5. Juni 1976, wurden in einem Waldhaus in Seewen SO ein Ehepaar, die Schwester des Mannes sowie deren Söhne erschossen – Motiv unbekannt. Der Mord gilt bis heute als ungelöst.

Nach der Tat wurde eine Reihe von Besitzern einer bestimmten Winchester-Imitation befragt, da die Schüsse aus einem solchen Gewehr abgegeben worden waren. Zu den Befragten gehörte auch der damals 29-jährige Carl Doser – der spätere Hauptverdächtige. Er erklärte, er habe seine Waffe auf einem Flohmarkt an einen Unbekannten verkauft. Die Akte wurde abgelegt.

Ein Jahr nach der Tat verliess Carl Doser die Schweiz und gilt seither als vermisst. Da der Fall längst verjährt ist, suchen die Behörden nicht mehr nach ihm. 1996 kam es jedoch zu einem überraschenden Zufallsfund: Beim Umbau der Wohnung von Dosers Mutter tauchte die Tatwaffe auf – eingemauert hinter der Einbauküche.

Und dann?

Mit einem Pass konnte er damals ganz einfach aus der Schweiz ausreisen. Wenn jemand damals die Schweiz verliess und sich etwa in Spanien versteckte, konnte er relativ leicht verschwinden. Es gab keine identifizierenden Kontrollen in Zügen und Bussen, so wie wir sie heute kennen. Das war also nicht schwer. Aber das ist schon lange her.

Bestseller «How to disappear»

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Es gibt viele Gründe, warum Menschen untertauchen wollen: einem Stalker oder gewalttätigen Ex-Partner entkommen, sich der Unterhaltspflicht für Kinder entziehen, sich von Schulden befreien, Steuern hinterziehen – oder schlicht ein neues Leben fern aller sozialen Verpflichtungen anfangen wollen. Frank M. Ahearns praktischer Leitfaden How to Disappear bietet all diesen Menschen ein Nachschlagewerk – und wurde zum Bestseller. Ahearn war als Zielfahnder für das FBI, Banken und die Boulevardpresse tätig. Nach 20 Jahren wechselte er die Seite und hilft nun Leuten dabei, zu verschwinden.

Auf Deutsch erschienen:

  • Frank M. Ahearn, Spurlos – wie man verschwindet, 2026.
  • Frank M. Ahearn und Eileen C. Horan, Spurlos verschwinden: Wie Menschen im digitalen Zeitalter abtauchen, Piper 2018.

Was war damals noch anders?

Es gab damals noch nicht die Technologie, mit der man Leute finden kann. Und keine Sozialen Medien, in denen Leute das Foto eines mutmasslichen Täters auf der ganzen Welt verbreiten. Der Fünffachmord war wahrscheinlich eine sehr begrenzte Geschichte innerhalb der Schweiz. Die Nachricht ging vielleicht durch Europa, aber dann ist die Geschichte wahrscheinlich einfach verblasst.

Das wäre heute so nicht mehr möglich – dank neuer Technologien.

Anders als heute, wo sich so etwas verbreitet und viral geht. Und das ist der Grund, warum damals viele Leute mit Verbrechen davongekommen sind und spurlos verschwinden konnten.

Kleines Holzhaus im Wald mit Schweizer Flagge.
Legende: In diesem Waldhaus wurden am 5. Juni 1976 fünf Menschen erschossen. Die Fotografie stammt vom nächsten Tag. Das Haus steht heute nicht mehr. KEYSTONE/Str

Hätte Carl Doser heute einen Mord begangen, könnte er sich der Verantwortung also nicht mehr entziehen, indem er einfach untertaucht?

Das wäre heute so nicht mehr möglich – dank neuer Technologien. Es wäre viel schwieriger, sich eine falsche Identität zuzulegen. An Flughäfen und Bahnhöfen gibt es Gesichtserkennung. Wäre Doser damals aus dem Bahnhof in Berlin getreten, hätte das keine Folgen gehabt. Heute braucht Interpol bloss eine Gesichtserkennung anzufordern, um zu wissen, wo er sich aufgehalten hat.

Alte Winchester-Gewehrreplik und zwei Schwarz-Weiss-Fotos auf Stoff.
Legende: Die Tatwaffe und die Fotos des Tatverdächtigen Carl Doser. KEYSTONE/Juerg Mueller

Zudem könnte Dosers Gesicht heute auf X bekannt werden – weil es sich um ein schreckliches Verbrechen handelt – und dann könnte ihn jemand auf der Strasse erkennen.

Eine weitere neue Schwachstelle für Untergetauchte sind Banken. Heute wissen die Banken viel genauer, wer ihre Kundinnen und Kunden sind oder wem sie Geld überweisen. Diese Dinge sind viel stärker reguliert als in der Vergangenheit.

Wenn ein 80-Jähriger in Portugal stirbt, macht niemand einen DNA-Abgleich.

Es gibt heute Möglichkeiten, die es damals nicht gab. Also ja, heute ist es definitiv schwieriger.

Carl Doser ist heute fast 80 Jahre alt – sofern er noch lebt. Müsste seine wahre Identität nicht spätestens bei seinem Tod auffliegen?

Nicht unbedingt. Die zentrale Frage ist, ob jemand seine derzeitige Identität kennt. Wenn er unter falschem Namen irgendwo in Portugal lebt und stirbt, wird das niemand in der Schweiz erfahren. Die Behörden haben vermutlich keine DNA von Doser. Und selbst wenn sie DNA von Familienangehörigen nehmen, würde das nicht viel ändern. Wenn ein 80-Jähriger in Portugal stirbt, macht niemand einen DNA-Abgleich. Es gibt keinen Grund, zu hinterfragen, warum dieser 80 Jahre alte Mann gestorben ist, ob er unter falscher Identität gelebt hat und wer er wirklich war.

Das Gespräch führte Sibilla Bondolfi.

SRF1, True Crime Schweiz, 19.5.2026, 00:10 Uhr ; 

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