«Bonjour», ruft Mahdi Ourabi durch den Neubau in Marly FR. «Ça va?», fragt er einen Kollegen. Das Werkzeug hat der junge Elektriker heute liegen lassen. Aber den Schutzhelm trägt er unter dem Arm. Ourabi führt uns in den fünften Stock.
Hier hat er ein Smart Apartment ausgebaut. Strom, Licht, Storen – alles lässt sich vom Handy aus steuern. «Ehrlich gesagt ist das schon anders als zu Hause», sagt Ourabi. Aus Tunesien habe er nicht viel Erfahrung mit Smart Homes. Aber die Grundlagen bringe er mit.
Gegen Fachkräftemangel
Mahdi Ourabi hat sich direkt aus Tunesien bei einer Tochtergesellschaft der BKW beworben. Die Personalverantwortliche, Valérie Alonso, war sofort überzeugt. «Wir haben Fachkräftemangel in der Gebäudetechnik», sagt sie. Und Ourabi sei einsetzbar. Sein Niveau entspreche etwa dem eines Auszubildenden im dritten Lehrjahr, erklären die Vorgesetzten.
Bis zu 150 junge Berufsleute dürften jährlich aus Tunesien in die Schweiz kommen. Das hat die Schweiz im Rahmen einer Migrationspartnerschaft angeboten. Im Gegenzug verpflichtete sich Tunesien zur Rückübernahme abgelehnter Asylbewerber. Die Schweiz hat also ein Interesse daran, dass Menschen wie Mahdi Ourabi in die Schweiz kommen.
Bund macht Werbung für Tunesien
Allerdings wird das Kontingent bei Weitem nicht ausgeschöpft. Das Staatssekretariat für Migration erklärt deshalb, es wolle das Abkommen bekannter machen.
In einer hippen Zürcher Bar klirren die Gläser. Ein wenig Arabisch mischt sich mit Englisch und Französisch. Bei einem Netzwerkanlass im Auftrag des Bundes sollen Unternehmer für die Einstellung junger Berufsleute aus Tunesien begeistert werden.
«Dieses Abkommen ist eine grandiose Kombination aus Entwicklungszusammenarbeit und Migrationspolitik», sagt Carole Schaber von der Stiftung Swisscontact. Die jungen Berufsleute aus Tunesien seien gut ausgebildet und hoch motiviert.
Unternehmen kritisieren Befristung
Warum also wird das Abkommen wenig genutzt? Julian Stiels, Mitgründer des Medizintechnik-Start Ups One Twenty, hat in Tunesien rekrutiert. Aber auf den erleichterten Zugang im Rahmen der Migrationspartnerschaft habe ihn beim SEM niemand hingewiesen. Das habe «definitiv mehr Arbeit beschert als notwendig».
Mein Ziel ist es, jemanden langfristig zu haben.
Das Hauptproblem für rekrutierende Unternehmen sei allerdings die Befristung. Denn wer einstellt, möchte seine Angestellten nicht auf Zeit einarbeiten. «Da bin ich komplett ehrlich», sagt Stiels, «mein Ziel ist es, jemanden langfristig zu haben».
Das allerdings ist im Abkommen mit Tunesien nicht vorgesehen. Die Migration soll zirkulär funktionieren. Wie eine Drehtür.
Zielkonflikte der Migrationspolitik
Mahdi Ourabi erklärt etwas zerknirscht, er habe das von Anfang an gewusst. Sein Ziel sei es nicht, hier zu bleiben. Und er wolle dankbar sein. Aber er sagt auch, er bemühe sich aktuell um die Anerkennung seiner tunesischen Diplome in der Schweiz.
Die Schweiz möchte Tunesien aus migrationspolitischen Gründen entgegenkommen. Aber Werbung für tunesische Immigration ist innenpolitisch ein heisses Eisen.
Die Unternehmen sind interessiert, möchten die jungen Berufsleute aber langfristig binden. Und die bedanken sich zwar für die Chance, aber nicht unbedingt für deren Befristung.
Im Abkommen mit Tunesien zeigen sich viele Widersprüche der Schweizer Migrationspolitik. Ganz rund läuft die Drehtür noch nicht.