Proteste und Krawalle prägten das Wochenende in Genf, als Gegnerinnen und Gegner des G7-Gipfels in Évian-les-Bains auf sich aufmerksam machten. Wenig beachtet blieb dabei der Gegengipfel, den G7-Kritikerinnen und -Kritiker organisierten.
Linke Aktivistinnen und Aktivisten, Gewerkschafterinnen, Wissenschaftlerinnen und Politiker trafen sich in Konferenzsälen zu Podien und Diskussionsrunden. Oft im Zentrum: die Auswirkungen der künstlichen Intelligenz auf das Alltagsleben.
In einem bis auf den letzten Platz gefüllten Saal drehte sich alles um das US-amerikanische Technologieunternehmen Palantir und dessen Geschäftsmodell: Das Unternehmen sammelt und wertet riesige Datenmengen über Bürgerinnen und Bürger aus, um diese Informationen anschliessend für Überwachungszwecke an Regierungen, Armeen und Geheimdienste zu verkaufen.
KI verschärft ökonomische Ungleichheit
In einem anderen Saal sprach Cédric Durand, Wirtschaftsprofessor an der Universität Genf. Sein Spezialgebiet: die Auswirkungen der künstlichen Intelligenz auf die Arbeitswelt. Er analysiert das weltweite Bestreben, die Arbeitswelt dank KI weiter zu ökonomisieren.
Durands These: Die KI ersetze den Menschen mehr und mehr, steigere Gewinne und verschärfe die ökonomische Ungleichheit zwischen den Superreichen und allen anderen. «Ein Teil der Superreichen koppelt sich einfach von unserem Gemeinwesen ab. Das macht nicht nur die Frage einer gerechteren Besteuerung immer notwendiger, sondern darüber hinaus auch soziale Rechte und eine Form der Demokratisierung der Wirtschaft», sagt Durand.
Warnungen von 2003 haben sich bewahrheitet
Ökonom Durand war bereits 2003 beim letzten G7-Gipfel in Évian-les-Bains an der Gegenveranstaltung dabei – damals noch als Student. Er findet, man habe damals zu Recht auf die Gefahren der Globalisierung nach neoliberalen Prinzipien hingewiesen.
«Diejenigen, die 2003 protestierten und sagten: ‹Achtung, das führt uns direkt in die Katastrophe›, hatten recht», so Durand. Die Gefahren, vor denen sie damals warnten, seien heute Realität.
Die Globalisierung habe die Welt in eine Krise gestürzt. Das sei auch eine Gefahr für die politische Linke, denn die Krise fragmentiere die Gesellschaft und zerstöre die Solidarität. «Für die Bewegungen wird es immer schwieriger, internationale Solidarität aufzubauen. Das ist natürlich ein Grund zur Sorge», sagt der Wirtschaftsprofessor.
Wissen teilen und Alternativen entwickeln
Der Gegengipfel sei wichtig, betont Susana Perdiz, die an der Universität Genf zum Thema Nachhaltigkeit arbeitet. Es gehe darum, Wissen weiterzugeben und zu teilen. «Wir müssen die Mechanismen verstehen, um sie zu verändern und eine Alternative vorzuschlagen», sagt Perdiz.
Dass ausgerechnet ein G7-Gipfel Genfs Linksintellektuelle zu einer Art Volksuniversität zusammenbringe, habe eine ironische Seite, sei aber vor allem eine gute Gelegenheit, so Perdiz. «Das ist eine Chance, die wir nutzen müssen. Wir würden uns jetzt wünschen, dass das immer so läuft.»
Wenn die Staats- und Regierungschefs am Mittwoch wieder abreisen, wollen die Genfer Gipfelkritikerinnen und -kritiker ihren Austausch weiter pflegen. Ein Zusammenschluss aus sechzig Organisationen soll laut Perdiz weiter an den Grundlagen arbeiten. Ihr Gipfel soll also über die drei Tage hinaus weiter wirken.