Drohungen, Beleidigungen oder sogar körperliche Gewalt: Das Zugpersonal in Schweizer Zügen ist gefordert. Mittlerweile sind auch Bergbahnen betroffen. Unangenehme Situationen gebe es gar auf Ausflugsschiffen, sagt Matthias Hartwich, Präsident der Gewerkschaft des Verkehrspersonals. «Unsere Leute werden im Freizeitverkehr geschubst und beschimpft – es ist kaum vorstellbar.»
Der Ton wird rauer.
Lukas Mathyer arbeitet seit 15 Jahren für verschiedene Bahnen, unter anderem als Zugbegleiter. «Der Ton wird rauer – vor allem seit der Coronapandemie ist der Respekt kleiner geworden.» Der 33-Jährige ist derzeit bei den Jungfraubahnen und leitet das Team der Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter. «Auf unseren Zügen sind die kulturellen Unterschiede gross – unangemessenes Verhalten kommt bei praktisch allen vor.»
Es brauche nicht viel, dass eine Situation eskaliert. «Meist haben die Kundinnen und Kunden das Gefühl, im Recht zu sein – und schon wird die Situation heikel.»
Bitte nicht filmen!
Vermehrt beobachten die Verantwortlichen bei den Jungfraubahnen eine neue Entwicklung: Renitente Personen drohen dem Personal, es zu filmen und das Videomaterial ins Internet zu stellen. «Das ist unangenehm und verletzt unsere Persönlichkeitsrechte», sagt Lukas Mathyer.
Das Bahnunternehmen hat gehandelt. Seit Kurzem weist es die Bahnbenützerinnen und -benützer auf Bildschirmen an, respektvoll zu sein und das Filmen des Bahnpersonals zu unterlassen. «Der Respekt ist auch ein Thema im Hotel und im Restaurant, deshalb ist es sinnvoll, in unseren Zügen darauf hinzuweisen», so die Sprecherin der Jungfraubahnen, Kathrin Naegeli.
Auch Beleidigungen tun weh
Bei den Jungfraubahnen wurde noch keine körperliche Gewalt registriert. «Zum Glück», wie Lukas Mathyer betont. Aber auch Drohungen und Beschimpfungen seien unangenehm und können einem nahe gehen: «Ich musste lernen, damit umzugehen. Ich lasse meine Uniform immer bei der Arbeit. Denn die Leute beschimpfen nicht mich persönlich, sondern als Angestellter der Bahn.»
Wie andere Transportunternehmen schicken die Jungfraubahnen die Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter seit diesem Winter in Verhaltenskurse, in denen der Umgang mit schwierigen Situationen gelernt wird. Der Gewerkschaft SEV geht das zu wenig weit. «Wir fordern, dass Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter auch während des Tages nie alleine unterwegs sind.» Bei den Jungfraubahnen hält man das nicht für nötig, wie Sprecherin Kathrin Naegeli sagt.
Eine Statistik über die Drohungen im Bahnverkehr gibt es nicht. Die SBB spricht von zehn Zwischenfällen pro Tag. Laut Matthias Hartwich von der Gewerkschaft SEV haben die Fälle aber zugenommen. Noch vor dem Sommer soll es einen runden Tisch geben mit Transportunternehmen und Betroffenen. Das Bundesamt für Verkehr habe schon zugesagt.