Die Schweiz war keine Kolonialmacht – und dennoch war sie am Kolonialismus und am Sklavenhandel beteiligt. Das zeigen diverse Forschungsprojekte, die sich mit den Schweizer Verstrickungen beschäftigen. Wie es national um die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit der Schweiz steht, erläutert Historiker Christof Dejung.
SRF News: Wie steht es national um die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit der Schweiz?
Christof Dejung: Bis vor 20 oder 25 Jahren war dies ein absolutes Nischenthema, bei dem man der Meinung war, die Schweiz hätte keine Kolonien gehabt, deshalb habe sie auch keine koloniale Vergangenheit. Das hat sich in den letzten Jahren stark geändert. Es gibt eine Vielzahl von Projekten an den Universitäten und regionalen Aufarbeitungsinitiativen wie zum Beispiel in Baselland.
Es war ein Dreieckshandel: Europäische und auch schweizerische Industriegüter wurden nach Afrika gebracht und dort in Sklaven umgetauscht.
Kann man zusammenfassen, wie die Schweiz in den globalen Sklavenhandel verwickelt war?
Es auf einen Nenner zu bringen, ist schwierig. Man kennt viele Einzelbeispiele von Kaufleuten oder von Plantagenbesitzern, die mit Sklaverei in Beziehung standen. Man kennt aber nur die Erfolgsgeschichten. Gerade für Schweizer Unternehmer, die irgendwo in der Karibik oder in Lateinamerika tätig waren, war es eine risikoreiche Angelegenheit. Man muss es sich als Produktionssystem mit Plantagen vorstellen, auf denen versklavte Menschen gearbeitet haben. Dort wurden Rohstoffe wie Baumwolle, Kaffee, Tabak und Zucker hergestellt, die nach Europa importiert wurden. Es war ein Dreieckshandel: Europäische und auch schweizerische Industriegüter wurden nach Afrika gebracht und dort in Sklaven umgetauscht. Ab dem 16., 17. Jahrhundert stellte dieser einen wichtigen Teil der europäischen Aussenwirtschaft dar.
Welche Konsequenzen ergeben sich aus der Aufarbeitung für die Schweiz, was Entschädigungszahlungen oder anderweitige Wiedergutmachung angeht?
Diesbezügliche Entschädigungen sind ein heiss umstrittenes Thema. Ich selbst bin da relativ skeptisch, weil ich daran zweifle, dass Entschädigungen wirklich den Leuten zugutekämen, die es nötig hätten. Es ist nicht klar, wen man für ein Phänomen entschädigen würde, das Jahrhunderte zurückliegt. Das Wichtigste ist die Sensibilisierung auf zwei Ebenen. Einerseits war der Sklavenhandel eng verknüpft mit dem wissenschaftlichen Rassismus, mit der Vorstellung, dass dunkelhäutige Menschen weniger wert sind als hellhäutige.
Man muss sich bewusst werden, dass globale Wirtschaft, globaler Kapitalismus, Welthandel auch immer mit Gewalt oder Zwang verknüpft sein kann.
Es geht um Rassenideologien, die auch im Kontext des Sklavenhandels aufgekommen sind und als dessen Legitimation dienten. Andererseits muss man sich bewusst werden, dass globale Wirtschaft, globaler Kapitalismus immer mit Gewalt oder Zwang verknüpft sein kann. Das ist heute so, das wissen wir, aber hat eben auch eine lange Geschichte. Das Wichtigste fände ich, dass wir versuchen würden, Strukturen und gesetzliche Regelungen zu schaffen, um zu verhindern, dass durch diesen Welthandel Menschen zu Schaden kommen und unter unwürdigen Arbeitsbedingungen arbeiten.
Wo orten Sie Handlungsbedarf?
Wenn es ein Umdenken gäbe und alle Menschen nur noch Fair-Trade-Produkte konsumieren würden, dann wäre wahrscheinlich ein Teil des Problems gelöst. Es braucht sicher noch Sensibilisierung. Was für Arbeitsbedingungen stecken hinter unseren Rohstoffen, Textilien, unserem Kaffee, unseren Smartphones und unseren Laptops?
Das Gespräch führte Christina Scheidegger.