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Güseldeponien in der Schweiz Als wir unseren Abfall im Boden verscharrten

Um 1975 gibt es im Kanton Luzern eine einzige gesetzeskonforme Entsorgungsanlage. Viel Müll landet auf wilden Deponien.

Heute ist vom Abfall nichts mehr zu sehen. Auf dem Gebiet Gasshof im Luzerner Stadtteil Littau stehen eine Wohnüberbauung, ein paar Bäume, Parkplätze. Vögel zwitschern.

In den 1960er-Jahren türmten sich hier Abfallberge: Plastik, Schlacke, leere Dosen, alles aufgeschichtet in einer ehemaligen Kiesgrube. Ein Grossteil der Siedlungsabfälle der Stadt Luzern landete auf dieser Deponie. Später wurde sie zugeschüttet.

Halde mit weggeworfenen Gegenständen und Bäumen im Hintergrund
Legende: Güsel, so weit das Auge reicht: Altmaterialdeponie in Schüpbach BE, im April 1973. Keystone/Photopress-Archiv/Fritz Grunder

«Heute käme ich nie auf die Idee, dass unter dem Boden vielleicht etwas Schädliches liegen könnte», sagt Michael Blatter. Der Luzerner Historiker hat sich für ein neu erschienenes Buch mit Deponien in der Innerschweiz beschäftigt. «Doch alle Kantone müssen Kataster führen, in denen sie belastete Standorte aufführen.» Bei Bauvorhaben braucht es hier genauere Abklärungen, wie giftig der Boden ist.

Kantone müssen belastete Areale verzeichnen

Im Kanton Luzern gibt es rund 1500 solcher Areale. Dort ist eine Belastung des Bodens mit giftigen Stoffen nachgewiesen oder sehr wahrscheinlich. Es sind ehemalige Industriegelände, Schiessanlagen und Unfallstellen – oder eben Mülldeponien wie jene nahe der Stadt Luzern.

Der «neue Müll»

«Um 1900 verkauften Haushalte ihren Kehricht teilweise den Bauern als Dünger», berichtet Michael Blatter von seinen Recherchen. Damals bestand mehr als die Hälfte der Siedlungsabfälle aus Rückständen, die nach dem Verbrennen zu Hause übrig blieben. Es war also vor allem Asche.

Plötzlich war da Plastik drin – und niemand wusste, wohin damit.
Autor: Michael Blatter Historiker

Doch in den nächsten Jahrzehnten nahmen die nicht oder nur schlecht abbaubaren Abfälle zu. «Plötzlich war da Plastik drin – und niemand wusste, wohin damit.» Mit dem Wohlstand nach dem Zweiten Weltkrieg wuchsen auch die Abfallberge.

Wo die Schweiz ihren Güsel entsorgte

«Um 1975 deponierte der Kanton Luzern jährlich 25'000 Tonnen Abfall», sagt Historiker Michael Blatter. «Dafür gab es inzwischen eine einzige Deponie, die den Vorgaben des Gewässerschutzgesetzes entsprach.» Für die Stadt Luzern und die umliegenden Gemeinden existierte nun eine Kehricht­verbren­nungs­anlage. Im Rest des Kantons deponierten die Gemeinden ihren Güsel weiterhin in rund 100 Gruben.

Wachsender Umweltschutz

«Leider lagen diese Deponien oft im Grundwasser, teils wurden auch Seeufer mit Abfall befestigt. So konnten potenziell giftige Stoffe ins Wasser gelangen», sagt Historiker Michael Blatter.

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts folgten weitere Gesetze und Leitlinien zum Umweltschutz. «Es entstanden gesetzeskonforme Deponien und weitere Verbrennungsanlagen.» Mit der Ratifizierung der Aarhus-Konvention verpflichtete sich die Schweiz, die Standorte ehemaliger Deponien zu sammeln und öffentlich zugänglich zu machen.

«Heute haben wir die Abfallentsorgung in der Schweiz weitgehend im Griff», so das Urteil von Historiker Michael Blatter. «Damals verlochten wir den Güsel einfach.» Als Zeugen blieben die Deponien zurück, die bis heute unter den Schweizer Böden überdauern.

Reportagen über Verborgenes

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Deponien im Kanton Luzern, Femizide im Kanton Zug oder das versunkene Dorf im gestauten Sihlsee: Diesen und anderen Themen widmet sich das neu erschienene Buch «Reportagen aus der Innerschweiz – Im Verborgenen». Auf 199 Seiten gibt es ungewohnte Einblicke in die Zentralschweiz. Der Luzerner Historiker Michael Blatter hat darin einen Beitrag über Altlasten und den Umgang damit verfasst.

Regionaljournal Zentralschweiz, 4.3.2026, 17:30 Uhr ; 

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