Heute ist vom Abfall nichts mehr zu sehen. Auf dem Gebiet Gasshof im Luzerner Stadtteil Littau stehen eine Wohnüberbauung, ein paar Bäume, Parkplätze. Vögel zwitschern.
In den 1960er-Jahren türmten sich hier Abfallberge: Plastik, Schlacke, leere Dosen, alles aufgeschichtet in einer ehemaligen Kiesgrube. Ein Grossteil der Siedlungsabfälle der Stadt Luzern landete auf dieser Deponie. Später wurde sie zugeschüttet.
«Heute käme ich nie auf die Idee, dass unter dem Boden vielleicht etwas Schädliches liegen könnte», sagt Michael Blatter. Der Luzerner Historiker hat sich für ein neu erschienenes Buch mit Deponien in der Innerschweiz beschäftigt. «Doch alle Kantone müssen Kataster führen, in denen sie belastete Standorte aufführen.» Bei Bauvorhaben braucht es hier genauere Abklärungen, wie giftig der Boden ist.
Kantone müssen belastete Areale verzeichnen
Im Kanton Luzern gibt es rund 1500 solcher Areale. Dort ist eine Belastung des Bodens mit giftigen Stoffen nachgewiesen oder sehr wahrscheinlich. Es sind ehemalige Industriegelände, Schiessanlagen und Unfallstellen – oder eben Mülldeponien wie jene nahe der Stadt Luzern.
Der «neue Müll»
«Um 1900 verkauften Haushalte ihren Kehricht teilweise den Bauern als Dünger», berichtet Michael Blatter von seinen Recherchen. Damals bestand mehr als die Hälfte der Siedlungsabfälle aus Rückständen, die nach dem Verbrennen zu Hause übrig blieben. Es war also vor allem Asche.
Plötzlich war da Plastik drin – und niemand wusste, wohin damit.
Doch in den nächsten Jahrzehnten nahmen die nicht oder nur schlecht abbaubaren Abfälle zu. «Plötzlich war da Plastik drin – und niemand wusste, wohin damit.» Mit dem Wohlstand nach dem Zweiten Weltkrieg wuchsen auch die Abfallberge.
Wo die Schweiz ihren Güsel entsorgte
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Bild 1 von 4. Kehrichtdeponie Ufhusen im Kanton Luzern, aufgenommen am 20. Mai 1987. Bildquelle: Keystone/Str.
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Bild 2 von 4. Offene Altmaterialdeponie von Schüpbach im Emmental, Kanton Bern, aufgenommen im April 1973. Bildquelle: Keystone/Photopress-Archiv/Fritz Grunder.
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Bild 3 von 4. Kehrichtdeponie von Biasca TI, nahe des Flusses Ticino, aufgenommen am 25. November 1974. Bildquelle: Keystone/Photopress-Archiv/Marchesi.
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Bild 4 von 4. Ein Kehrichtplatz in Morschach SZ im Jahr 1983. Bildquelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_LC2274-017-001.
«Um 1975 deponierte der Kanton Luzern jährlich 25'000 Tonnen Abfall», sagt Historiker Michael Blatter. «Dafür gab es inzwischen eine einzige Deponie, die den Vorgaben des Gewässerschutzgesetzes entsprach.» Für die Stadt Luzern und die umliegenden Gemeinden existierte nun eine Kehrichtverbrennungsanlage. Im Rest des Kantons deponierten die Gemeinden ihren Güsel weiterhin in rund 100 Gruben.
Wachsender Umweltschutz
«Leider lagen diese Deponien oft im Grundwasser, teils wurden auch Seeufer mit Abfall befestigt. So konnten potenziell giftige Stoffe ins Wasser gelangen», sagt Historiker Michael Blatter.
Gegen Ende des 20. Jahrhunderts folgten weitere Gesetze und Leitlinien zum Umweltschutz. «Es entstanden gesetzeskonforme Deponien und weitere Verbrennungsanlagen.» Mit der Ratifizierung der Aarhus-Konvention verpflichtete sich die Schweiz, die Standorte ehemaliger Deponien zu sammeln und öffentlich zugänglich zu machen.
«Heute haben wir die Abfallentsorgung in der Schweiz weitgehend im Griff», so das Urteil von Historiker Michael Blatter. «Damals verlochten wir den Güsel einfach.» Als Zeugen blieben die Deponien zurück, die bis heute unter den Schweizer Böden überdauern.