Apotheken sind gute Anlaufstellen für Opfer von häuslicher Gewalt, davon ist Apothekerin Yolanda Ughini überzeugt. Sie arbeitet in verschiedenen Apotheken in der Region Basel: «Wir sind niederschwellig, und uns gibt es überall.» Zudem baue man ein Vertrauensverhälts zur Kundschaft auf. «Dass viele Frauen in Apotheken arbeiten, ist ebenfalls ein Pluspunkt.» Denn die meisten Opfer häuslicher Gewalt sind Frauen.
Gewaltopfer schweigen
Im vergangenen Jahr verzeichnete der Bund einen deutlichen Anstieg von Gewaltstraftaten und Tötungsdelikten. Auch die Anzahl Frauen, die von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet wurden – sogenannte Femizide – haben stark zugenommen.
«Im häuslichen Bereich wurden 34 vollendete Tötungsdelikte verzeichnet», bilanziert der Bund die Situation im Jahr 2025. Ein Jahr zuvor waren es noch 26 gewesen.
Meist ist es eher ein Bauchgefühl.
Doch die Opfer häuslicher Gewalt seien meist nicht redselig, auch nicht in der Apotheke, sagt Yolanda Ughini. Wenn sie ein Medikament kauften, würden sie in der Regel nicht sagen, dass sie geschlagen werden. Deshalb sei es schwierig, sie als Opfer zu erkennen. «Meist ist es eher ein Bauchgefühl», sagt Ughini.
Aber nur auf dieses Bauchgefühl wollen sich die Apotheken in der Region Basel nicht mehr verlassen. Sie bilden ihre Angestellten deshalb aus. In anderen Regionen – vor allem der Westschweiz – ist das bereits geschehen.
In einer Onlineschulung werden die Angestellten auf Hinweise für häusliche Gewalt sensibilisiert. Damit sie Opfer auch dann erkennen, wenn sich diese nicht trauen, das Thema anzusprechen.
Statt Betroffenen nur Schmerzmittel zu verkaufen, sollen die Angestellten der Apotheken sie künftig auch mit Informationen zu Anlaufstellen und Hilfsangeboten eindecken.
Informationen statt nur Medikamente
Dass Apotheken vermehrt eine Rolle spielen im Kampf gegen Gewalt an Frauen, ist ganz im Sinne der Nichtregierungsorganisation «Brava». Die Ausbildung von Fachpersonen sei eine Verpflichtung aus der Istanbul-Konvention, die auch für die Schweiz gelte, sagt Julia Meier, die bei «Brava» für die politische Arbeit verantwortlich ist.
Dabei sei es auch wichtig, mit Mythen aufzuräumen, sagt Meier. «Zum Beispiel, dass jede Frau selber schuld sei. Oder dass es häusliche Gewalt nur in bestimmten Milieus gebe.» Es sei wichtig, dass Fachpersonen wie die Angestellten von Apotheken solche Mythen abwerfen, statt sie weiterzuverbreiten.
Anne Voumard, Geschäftsleiterin einer Apotheke in Vouvry VS, hat positive Erfahrungen mit der Onlineschulung gemacht. Dank der Sensibilisierung seien gleich mehrere Fälle von häuslicher Gewalt aufgedeckt worden. So erzählt sie etwa von einer Frau, die wegen eines Unfalls Schmerzmittel kaufen wollte. «Ich habe ihr einige Fragen gestellt. Die Frau hat von häuslicher Gewalt erzählt – und sagte am Ende, dass sie das noch nie jemandem gesagt habe.»
Auf Erfolge wie diese hofft man nun auch in Deutschschweizer Apotheken, welche die Onlineschulung aus der Romandie übernehmen werden.