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Häusliche Gewalt Thurgau hat noch immer kein eigenes Frauenhaus

Der Thurgau schickt schutzbedürftige Frauen in ausserkantonale Frauenhäuser. Die sind voll. Nun tut sich was im Kanton.

Der Thurgau ist der grösste Schweizer Kanton ohne eigenes Frauenhaus. Rund 300'000 Menschen leben hier, doch wer Schutz vor häuslicher Gewalt sucht, ist auf andere Kantone angewiesen. Eine Leistungsvereinbarung mit dem Frauenhaus Winterthur soll die Lücke füllen. Reicht das nicht, werden schutzbedürftige Frauen und Kinder in andere Kantone verteilt.

Frauenhäuser stossen an ihre Grenzen

Genau dieses System steht unter Druck. «Der Kanton Zürich hat Nachbarkantone schon kritisiert, weil über 40 Prozent ihrer Plätze von Betroffenen aus anderen Kantonen besetzt werden», sagt das Feministische Streikkollektiv Thurgau, welches in den vergangenen Wochen immer wieder vor dem Parlament demonstrierte.

Die Nachfrage steigt weiter, die Frauenhäuser kommen an ihre Kapazitätsgrenzen.
Autor: Isabelle Wepfer Kantonsrätin Mitte TG

Grossrätin Isabelle Wepfer von der Mitte/EVP-Fraktion zeichnet ein düsteres Bild: Schweizweit müssten die Frauenhäuser rund 25 Prozent aller Gesuche abweisen, weil die Plätze fehlen. Auch das Frauenhaus St. Gallen sei klar überbelegt. «Die Realität ist: Die Nachfrage steigt weiter, die Frauenhäuser kommen an ihre Kapazitätsgrenzen.»

Frau in hellblauer Bluse steht neben einem Fenster.
Legende: Regierungsrätin Sonja Faller Graf ist der Meinung, man müsse die bisherige Praxis überprüfen: «Bis anhin haben wir einfach von den Strukturen anderer Kantone profitiert.» Keystone/TIL BUERGY

Im Jahr 2024 hielten sich 25 Frauen und 39 Kinder aus dem Thurgau in einem Frauenhaus auf. Für das Feministische Streikkollektiv ist das kein Randproblem: Eine Leistungsvereinbarung reiche nicht, es brauche eine aktive Mitträgerschaft.

Die Frage der Anonymität

Doch selbst wenn der politische Wille wächst, stellt sich eine praktische Frage: Kann ein Frauenhaus im kleinräumigen Thurgau überhaupt anonym betrieben werden? Der Schutz beginnt damit, dass unbekannt bleibt, wo das Haus steht.

Schaffhausen kennt dieses Problem aus eigener Erfahrung. Das letzte Frauenhaus des Kantons schloss 2013. Regierungsrat Marcel Montanari erinnert sich: «Früher, als wir ein Frauenhaus hatten, gab es die Anekdote, dass die Taxifahrer wussten, wo das Haus ist.» Das soll nicht mehr so sein.

Die Erfahrung zeigt, dass Anonymität weniger eine Frage der Kantonsgrösse ist als der professionellen Umsetzung.
Autor: Blert Berisha Dachorganisation der Frauenhäuser Schweiz und Liechtenstein

Blert Berisha von der Dachorganisation der Schweizer Frauenhäuser widerspricht: Die Grösse des Kantons sei nicht entscheidend. «Vertrauliche Adressen, kontrollierter Zugang, Schutzmassnahmen im Alltag: Die Erfahrung zeigt, dass Anonymität weniger eine Frage der Kantonsgrösse ist als der professionellen Umsetzung.»

Breite Allianz im Ratssaal

Im Thurgauer Grossen Rat hat sich letzte Woche eine breite Mehrheit hinter das Thema gestellt. SP, Grüne, Mitte/EVP, GLP und FDP sprachen sich für ein Thurgauer Frauenhaus aus oder forderten die Regierung auf, die Situation neu zu prüfen.

Wir haben insbesondere bei häuslicher Gewalt zwei Hauptreiber: eine ungebremste Migration und bald keinen Platz mehr in der Schweiz.
Autor: Ulrich Graf SVP-Grossrat

Nur die SVP hielt dagegen und verwies auf Statistiken zu häuslicher Gewalt bei Ausländerinnen und Ausländern. «Nennen wir es beim Wort. Wir haben insbesondere bei häuslicher Gewalt zwei Hauptreiber: eine ungebremste Migration und bald keinen Platz mehr in der Schweiz», sagte SVP-Grossrat Ulrich Graf.

Indes fordern die Demonstrierenden vor dem Thurgauer Kantonsparlament eine Zusammenarbeit mit Schaffhausen und anderen Kantonen ohne eigenes Frauenhaus. Gegenüber SRF sagte Regierungsrätin Sonja Faller Graf dazu: «Wir werden die Forderungen evaluieren und auch mit dem Kanton Schaffhausen Kontakt aufnehmen.»

Regionaljournal Ostschweiz, 1.5.26, 17:30 Uhr ; 

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