Ralph Bosshards militärische Karriere ist einzigartig und führte ihn tief in internationale sicherheitspolitische Netzwerke. Er war Oberstleutnant im Generalstab und auf wichtigen Posten für das Verteidigungsdepartement VBS tätig.
Dabei war seine Russlandnähe einst gewollt: Er hat als einer von wenigen Schweizer Offizieren eine militärische Ausbildung in Moskau absolviert. 2013 schickt ihn das Verteidigungsdepartement VBS an die russische Generalstabsakademie.
Mit diesen Spezialkenntnissen ausgestattet wird Bosshard dann in die Ukraine und später nach Wien versetzt, als militärischer Sonderberater bei der Schweizer OSZE‑Mission. Dabei habe er auch dem Militärnachrichtendienst zugearbeitet, sagt Bosshard gegenüber SRF. Eine hochkarätige Position also mit engen Kontakten zu Diplomatinnen, Militärs und Geheimdiensten.
Recherchen zeigen: Die einst gewollte Russlandnähe wird für die Schweizer Behörden zum Problem. Die «Appenzeller Zeitung» publiziert zeitgleich. Auch die «Weltwoche» hat letzten Sommer über den Fall berichtet.
Russlandfreundliche Positionen in der Öffentlichkeit
Aus Bosshards früherem beruflichen Umfeld gibt es auch Lob: Er habe fachlich gute Arbeit geleistet und sei für seine militärischen Analysen und Lageberichte geschätzt worden.
Doch seit seiner Zeit in Moskau habe er sich ideologisch immer stärker Russland zugeneigt, heisst es aus seinem Umfeld. Bosshard tritt mit seiner Meinung bald auch öffentlich auf – schreibt Analysen, bloggt und gibt Interviews, später auch regelmässig beim russischen Propagandasender RT.
Dort kritisiert er den Westen scharf und übernimmt auch Narrative der russischen Propaganda. So bezeichnet er etwa die westlichen Waffenlieferungen an die Ukraine als «Hauptprobe zum nächsten Krieg der Europäer gegen Russland».
Bosshard sagt im Gespräch, bei seinen Publikationen handle es sich nicht um Propaganda, sondern um militärische Analysen. Zum Begriff des «hybriden Kriegs» sagt Bosshard: «Die russische Armee verwendete zu meiner Zeit an der Generalstabsakademie den Begriff des ‹hybriden Kriegs› nicht […] . Das sind von der Nato geprägte Begriffe.»
Abgang beim VBS mit Nachgeschmack
Was allerdings auch Bosshard selbst so sieht: Schon damals im VBS führten die öffentlichen Äusserungen zunehmend zu Skepsis. Seine Karriere sei ausgebremst worden. Das bestätigen auch mehrere Personen, mit denen SRF Investigativ gesprochen hat. 2020 wird er von Wien nach Bern zurückbeordert, wechselt in eine zivile Funktion und verlässt schliesslich das Departement.
Das VBS weist auf Anfrage alle Vorwürfe eines Fehlverhaltens der Behörde entschieden zurück, will sich aber nicht zu einzelnen Fragen äussern.
Kontakt mit russischen Geheimdienstlern
Wurde Bosshard nun also als Sicherheitsrisiko eingeschätzt? Weder der Nachrichtendienst NDB noch das VBS äussern sich auf Anfrage zur Personalie. Klar ist: Der frühere Oberstleutnant im Generalstab macht im Gespräch keinen Hehl aus seiner Russlandnähe.
Der 59-Jährige reist heute privat noch nach Russland. Auf seiner Visitenkarte als selbständiger Sicherheitsberater prangt ein leicht abgewandeltes Emblem der russischen Streitkräfte.
Auch verkehrt Bosshard nach eigenen Angaben bis heute mit russischen, aber auch belarussischen und iranischen Militärangehörigen und Diplomaten, die teilweise auch für die Geheimdienste ihrer Länder tätig seien. «Aus der Zeit in Moskau und Wien habe ich auch noch heute viele Kontakte», so Bosshard. Nach seinen Angaben war dies Teil seiner früheren Aufgabe – er betont, nie für irgendeinen Staat spioniert zu haben.
Auf dem Radar des Geheimdienstes
Offiziell gab es wohl nie eine Untersuchung gegen Bosshard. Doch laut Aussagen mehrerer Personen beschäftigte sich die Armeespitze mehrfach mit der Personalie und der Schweizer Geheimdienst NDB holte Informationen zu ihm ein.
Bereits während seiner Tätigkeit in Wien habe sich der NDB interessiert, mit wem Bosshard verkehrte, so eine Quelle. Eine weitere Person aus Bosshards Umfeld bestätigt gegenüber SRF Investigativ zudem, sie sei von Geheimdienstlern zu ihm befragt worden, mehrere Jahre nach seinem Abgang beim VBS. Dabei habe der Nachrichtendienst gezielt nach Bosshards publizistischen Aktivitäten gefragt.
Der NDB schreibt auf Anfrage, er äussere sich «grundsätzlich nicht zu konkreten Einzelfällen und Personen».
Geheimdienstabklärung kann angemessen sein
Geheimdienstexperte Adrian Hänni kann den konkreten Fall Bosshard nicht beurteilen. Er sagt aber: Der Nachrichtendienst beobachte Mitarbeitende nur dann, wenn Verdachtshinweise vorlägen oder gewisse Indikatoren zusammenkämen.
Wenn etwa ein Militärangehöriger über geheime Informationen verfüge, gleichzeitig regelmässig nach Russland reise und seine öffentlichen Äusserungen auch darauf hindeuteten, dass er sich möglicherweise entfremde von der eigenen Regierung, so Hänni, «dann kann das ein Alarmzeichen für den NDB sein, dass hier ein mögliches Spionageabwehr-Risiko schlummert». Abklärungen durch den Nachrichtendienst seien dann plausibel und angemessen, auch bei ehemaligen Mitarbeitenden.
Ein Russlandversteher in Ausserrhoden
Umso bemerkenswerter ist, dass der Kanton Appenzell Ausserrhoden den umstrittenen Ex-Oberstleutnant ab Frühjahr 2025 in einer sicherheitssensitiven Funktion einstellt. Als Koordinator Bevölkerungsschutz beim Amt für Militär und Bevölkerungsschutz arbeitete Bosshard nun wieder für eine Behörde in einem sicherheitssensiblen Bereich. Wie ist das möglich?
Laut Bosshard waren seine Blogeinträge und seine Haltung zur russischen Politik im Bewerbungsprozess mehrfach Thema – und wurden ausdrücklich toleriert. Dennoch seien ihm wenige Monate später genau diese zum Vorwurf gemacht worden – als Begründung für die Kündigung.
«Reputationsrisiko für den Kanton»
Über diese Kündigung berichtete die «Weltwoche» bereits letzten Sommer – damals noch ohne Bosshard namentlich zu erwähnen. Laut Kündigungsandrohung, die SRF Investigativ vorliegt, beurteilte die Ausserrhoder Regierung die Publikationen nun als «erhebliches Reputationsrisiko für den Kanton». Dementsprechend sehe Appenzell Ausserrhoden das «Vertrauensverhältnis, welches für die Ausübung einer solch verantwortungsvollen Funktion notwendig ist, als dauerhaft gestört».
Warum fiel dem Kanton das nicht früher auf? Ging Appenzell Ausserrhoden bei der Anstellung genug sorgfältig vor? Wurden etwa beim VBS, dem langjährigen früheren Arbeitgeber von Bosshard, Referenzen eingeholt? Die Kantonsregierung äussert sich zu diesen Fragen nicht.
Behörden weisen Vorwürfe generell zurück
Auch VBS und NDB nehmen zu konkreten Fragen von SRF keine Stellung. Das VBS weist generell Vorwürfe zurück. Zu Personalfragen könne man sich nicht weiter äussern.
Warum Bosshard trotz seiner Vorgeschichte in Ausserrhoden angestellt wurde und ob der Nachrichtendienst konkrete Vorwürfe gegen ihn in der Hand hat, bleibt offen – ebenso wie die grundsätzlichen Fragen, wie Bund und Kantone mit sicherheitspolitisch heiklen Mitarbeitenden umgehen und wie sie sich dabei abstimmen.