«Ich begrüsse euch von ganzem Herzen», sagte Vera Celik vergangene Woche im Zürcher Ratssaal. Als jüngstes Mitglied des neuen Parlaments hatte die 20-Jährige die Ehre, die neue Legislatur mit ihrer Rede zu eröffnen. Celiks Auftritt ist aber auch in anderer Hinsicht aussergewöhnlich.
Menschen mit Migrationsgeschichte sind in der Schweizer Politik untervertreten. Vera Celik hat Wurzeln in der Türkei und ist eine von zwei muslimischen Frauen im Zürcher Stadtparlament, die ein Kopftuch tragen. Das sorgte für grossen Wirbel.
Celik möchte nicht auf das Kopftuch reduziert werden
Die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu hatte über ihre Wahl berichtet und behauptet, die türkische Botschafterin in der Schweiz habe ihr zur Wahl gratuliert, was Celik dementierte. Rund um die 20-jährige Frau und ihre Kopfbedeckung entbrannte eine hitzige Debatte, die sie selbst als völlig übertrieben empfindet.
«Ich bin die gleiche Person, mit oder ohne Kopftuch. Ich würde nicht anders politisieren, wenn ich kein Kopftuch tragen würde», sagt die 20-Jährige.
Vera Celik wurde durch den Klimastreik politisiert, trat dann der Juso und später der SP bei. Heute ist die junge Frau, deren Eltern aus der Türkei eingewandert sind, auch im Vorstand der SP MigrantInnen Schweiz.
Celik möchte nicht auf ihr Kopftuch reduziert werden. Und nicht als Projektionsfläche missbraucht werden für eine Debatte zu Islam und Integration. Sie ist stolz, einen Teil der Bevölkerung im Parlament zu repräsentieren. «Es gibt bereits zwei jüdisch-orthodoxe Menschen im Parlament. Dass nun auch zwei Frauen mit Kopftuch vertreten sind, zeigt die Vielfalt dieser Stadt.»
Gegen Kopftuchverbot für Lehrerinnen
Vera Celik versteht sich als Feministin, trägt das Kopftuch selbstgewählt. Auch wenn sie weiss, dass viele Frauen dazu gezwungen werden.
Anfang Jahr hat Vera Celik auch in der nationalen SP einen Erfolg gefeiert. Sie hat sich an vorderster Front dafür eingesetzt, dass die Partei eine Resolution annimmt, die ein Kopftuchverbot für Lehrerinnen an öffentlichen Schulen ablehnt.
Vera Celik ist jung, weiblich, muslimisch – und vertritt ihre Meinung laut und deutlich. Offenbar triggert das viele Leute. Bereits vor ihrer Wahl wurde sie massiv angefeindet. Einschüchtern lässt sie sich davon nicht.
Für ihre neue Aufgabe als Stadtparlamentarierin hofft sie, dass diese nüchtern und unspektakulär wird. «Mich beschäftigen Tierrechte, soziale Gerechtigkeit. Und ich möchte sicher Velo fahren können.»