«Der Wärter kam einfach in die Zelle, als ich auf dem WC sass. Ohne Sichtschutz», sagt der Häftling am Telefon. Er ruft das Team von SRF Investigativ aus dem Containergefängnis im Wauwilermoos an. Der Container steht seit gut einem Jahr neben festen Gefängnismauern in Egolzwil LU.
Es ist der erste Gefängniscontainer in der Schweiz für längere Haftstrafen. Eine Art Baucontainer mit Zellen. Und das Rezept der Stunde gegen volle Gefängnisse: Etwa Bern und das Tessin wollen künftig mit Containern Überbelegung abwenden. In der Schweiz sassen laut dem Bund noch nie so viele Menschen im Gefängnis wie jetzt.
Keine Privatsphäre
SRF Investigativ hat mit sieben, teils ehemaligen, Häftlingen gesprochen. Alle halten das Leben im Container für unzumutbar. Sie haben deswegen über Humanrights.ch – eine Organisation, die Häftlinge berät – eine Beschwerde bei der Gefängnisaufsichtskommission eingereicht.
Bei Humanrights.ch heisst es, so viel Unmut habe man selten erlebt. Privatsphäre fehle überall, erzählt der ehemalige Häftling Christian S.: «20 Männer kochen, telefonieren und sehen jeden Abend gleichzeitig fern in einem kleinen Raum. Es gibt grosse Spannungen.»
Ruhe fehle auch in den Zellen, ein Spalt unter der Türe lasse Licht und Lärm eindringen. Fotos und Videos bestätigen diese Beschreibung der Räume. Zudem seien die Zellen feucht, voller Kondenswasser. «Und oft reicht das warme Wasser nicht für alle zum Duschen», sagt Christian S.
Das Wauwilermoos ist ein Gefängnis für den sogenannten offenen Vollzug, meistens die letzte Stufe vor der Entlassung. Tagsüber arbeiten die Häftlinge ausserhalb der Anstalt. Christian S. und andere sagen: «Ich wäre lieber wieder im geschlossenen Vollzug als im Container.» Man könne sich dort nicht aufs Leben «draussen» einstellen.
«Es können keine systematischen Mängel festgestellt werden», schreibt hingegen die Aufsichtskommission zur Beschwerde der Häftlinge. Auf Anfrage präzisiert ihr Präsident André Aregger, einige Kritikpunkte seien bekannt und zum Teil behoben worden: «Andere waren unbekannt.» Das Wauwilermoos suche aber Lösungen.
Strafrechtsprofessor hofft auf Klärung durch Gericht
Fachleute sehen durchaus systematische Mängel. «Zusammengenommen ist das wirklich problematisch», sagt Strafrechtsprofessor Thierry Urwyler. Es könne sein, dass die Bedingungen im Container das Verbot von Folter und unmenschlicher Behandlung ritzten. Besonders weil viele Männer im Wauwilermoos lange dort eingesperrt seien. Urwyler hofft, dass ein Gericht Klarheit schafft.
Die offenen Toiletten sind nicht optimal.
Das Justizdepartement des Kantons Luzern schreibt, man nehme Anliegen sehr ernst und lebe einen menschenwürdigen Strafvollzug. Das Gefängnis habe wegen des Mangels an Privatsphäre zusätzliche Telefone installiert. Das Licht im Pavillon werde nun nachts immer gelöscht. Und zum Thema feuchte Zellen: «Dieser Mangel wurde erst im Winter ersichtlich und anfangs Jahr behoben.» Gebe es zu wenig warmes Wasser, dann deshalb, weil einige Häftlinge zu lange duschten. Die offenen Toiletten seien «nicht optimal», man suche eine Lösung.
Lieber weniger Leute einsperren
Strafrechtsprofessor Urwyler bleibt dabei: «Container sind meines Erachtens keine nachhaltige Lösung». Besonders bei längeren Haftstrafen.
Besser wäre es, weniger Menschen einzusperren: keine Haft bei nicht bezahlten Bussen, mehr Freiheitsentzug ausserhalb der Gefängnisse, etwa mit Fussfessel.