Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Kleinbasler Feiertag Vogel Gryff: erstmals Frauen in Ehrengesellschaft aufgenommen

Seit Jahrhunderten ist das kleinbasler Brauchtum Vogel Gryff eine Männerbastion. 2026 treten die ersten Frauen den Ehrengesellschaften bei. Manche Gesellschaftsbrüder nehmen sie nur auf, weil sie müssen.

Mit einem Sprung steigt der «Wild Maa» um 11 Uhr vom Floss. Auf seiner Fahrt auf dem Rhein hat er sich zuvor stets einer Seite zugewandt: dem Kleinbasel. Begleitet von Böllerschüssen trifft er am Ufer auf eine Schar von Kindern, von denen es viele darauf abgesehen haben, einen der Äpfel an seinem Kostüm zu ergattern. Die Abläufe des Brauchtums «Vogel Gryff» folgen strengen Regeln – seit Hunderten von Jahren.

Kaum Änderungen seit dem Mittelalter

Doch diese Tradition hat nun eine Neuerung erfahren: Am Dienstag wurden zwei Frauen aufgenommen. Neben den mehr als 400 Gesellschaftsbrüdern in den drei Ehrengesellschaften (3E) gibt es nun auch zwei Gesellschaftsschwestern.

Das ist sehr emotional und ich bin nervös.
Autor: Anna Grafström Gesellschaftsschwester Ehrengesellschaft zum Rebhaus

Eine von ihnen ist Anna Grafström Burkhardt. Die schwedisch-schweizerische Doppelbürgerin ist bei der Ehrengesellschaft zum Rebhaus. «Das ist sehr emotional und ich bin nervös», sagt sie.

Die beiden Gesellschaftsschwestern

Die Ehrengesellschaft, die in den vergangenen Jahrhunderten Männern vorbehalten war, erlebe sie als vielfältig, sagt Grafström: «Die 3E sind sehr divers.» Sie würden Menschen verschiedener Parteien und unterschiedlicher sozialer Schichten vereinen. «Für mich war es keine Überraschung, dass nun auch Frauen mitmachen dürfen.»

Eine von wenigen Frauen unter vielen Männern zu sein, ist für die Physikerin keine neue Erfahrung: «Wir waren sieben Studentinnen und 200 Studenten.»

Gruppe von sieben lächelnden Personen in einem Raum.
Legende: Historisches Bild: Zum ersten Mal seit Jahrhunderten sind zwei Frauen unter den Mitgliedern einer Ehrengesellschaft: Anna Grafström (2. von links) und Emélie Dunn. SRF/Lucius Müller

Auch für die andere Gesellschaftsschwester, Emélie Dunn, ist der Männerüberhang kein Problem. «Das lässt mich kalt», sagt sie lachend. Dunn ist bei der Ehrengesellschaft zum Greifen. Dass Frauen aufgenommen werden, «sollte im 21. Jahrhundert selbstverständlich sein.»

Dass es das nicht ist, wird klar, wenn man sich unter den Gesellschaftsbrüdern umhört. «Das ist ein altes Brauchtum, warum will man es uns nun wegnehmen?», ärgert sich einer. «Ich bin dagegen, absolut dagegen», sagt ein anderer.

Mensch in einem grünen Drachenkostüm bei einer Parade, umgeben von Menschen.
Legende: Verneigt sich auch vor Frauen: Der «Vogel Gryff» ist das Wappentier der Ehrengesellschaft zum Greifen, die nun eine Gesellschaftsschwester hat. Keystone/Georgios Kefalas

Um Frauen haben sich die 3E während Hunderten von Jahren nicht bemüht. Nicht mal am «Gryffemähli» waren sie gern gesehen. Während Bundesräte, Wirtschaftsführer und andere Männer immer wieder eingeladen wurden, war das bei Frauen anders.

2001 kam es zum Bruch mit dieser Tradition. Erstmals luden die Ehrengesellschaften Frauen zum Ehrenmahl ein: Regierungsrätinnen aus den beiden Basel.

Das genügte vielen aber nicht. Innerhalb der Bürgergemeinde wurde Kritik an der Frauendiskriminierung lauter. Rechtsgutachten unterstützten diese Einschätzung. Die 3E passten 2021 ihre Reglemente an, noch bevor die Bürgergemeinde 2022 die Zunftordnung aktualisierte.

Gesellschaftsschwestern gab es bereits im Mittelalter

Den Ausdruck «Gesellschaftsschwestern» mussten die 3E für die nun aufgenommenen Frauen allerdings nicht erfinden: So neu, wie viele meinen, sind Frauen dort nämlich gar nicht. Gesellschaftsschwestern habe es bereits im Spätmittelalter gegeben, so die drei Ehrengesellschaften.

Bärin tanzt etwas früher als der «Vogel Gryff»

Box aufklappen Box zuklappen
Person im Bärenkostüm tanzt bei einer Veranstaltung vor Publikum.
Legende: Seit 1999 tanzt auch eine Bärin durchs Kleinbasel. Allerdings nicht am selben Tag wie der Vogel Gryff. KEYSTONE/Georgios Kefalas

«Zu den drei Kleinbasler Ehrenzeichen Vogel Gryff, Leu und Wild Maa gesellt sich ein grosser, schwarzer Bär», so die Gesellschaft zum Bären. Im Restaurant «Schwarzer Bären» im Kleinbasel hänge denn auch ein Bild mit vier Kleinbasler Ehrenzeichen. Aber vom vierten Wappentier – dem Bären – sei aber nur die Legende überliefert. Dabei sei der grosse, schwarze Bär die Symbolfigur für ein offenes, freies Kleinbasel. Weg ist der Bär aber nicht, heisst es weiter. Auf dem Estrich im Restaurant zum Schwarzen Bären «hört man Schritte. Es ist der tanzende Bär. Je näher der Vogel-Gryff-Tag rückt, desto lauter werden diese Schritte.»

Mit der Gesellschaft zum Bären wurde im Kleinbasel ein ähnlicher Anlass wie der «Vogel Gryff» ins Leben gerufen. Seit 1999 tanzt auch der Bär durchs Kleinbasel. Und am Bärentag gibt es abends ebenfalls etwas zu trinken und zu essen. Anders als beim «Vogel Gryff» standen die Bärin – bisher stets von einer Frau getanzt – und ihr Bärentag von Beginn weg allen offen: Frauen gleichermassen wie Auswärtigen, Migrantinnen, Expats und Kindern.

1515 und 1516 tauchen die Namen Kettrin Fischer und Christin Bäbler in Unterlagen der Ehrengesellschaft zum Rebhaus auf. 1604 liest man in Schriften der Ehrengesellschaft zum Greifen den Namen Barbara Weitnauer. Gesellschaftsschwestern waren aber auch damals keine Selbstverständlichkeit. Es handelte sich lediglich um Einzelfälle.

Und das wird auch noch einige Zeit so bleiben. Zwar gebe es weitere Frauen, die sich um eine Aufnahme bemühen, so die Ehrengesellschaften. Viele seien es aber nicht.

Regionaljournal Basel, 13.1.2026, 17:30 Uhr ; 

Meistgelesene Artikel