Mit einem Sprung steigt der «Wild Maa» um 11 Uhr vom Floss. Auf seiner Fahrt auf dem Rhein hat er sich zuvor stets einer Seite zugewandt: dem Kleinbasel. Begleitet von Böllerschüssen trifft er am Ufer auf eine Schar von Kindern, von denen es viele darauf abgesehen haben, einen der Äpfel an seinem Kostüm zu ergattern. Die Abläufe des Brauchtums «Vogel Gryff» folgen strengen Regeln – seit Hunderten von Jahren.
Kaum Änderungen seit dem Mittelalter
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Bild 1 von 5. Bei seinen Tänzen schaut der «Wild Maa» immer ins Kleinbasel. Dem Grossbasel zeigt er nur seinen Hintern. Bildquelle: Keystone/Georios Kefalas.
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Bild 2 von 5. Der «Wild Maa» tanzt im Rauch von Böllerschüssen auf dem Floss. Bildquelle: KEYSTONE/Patrick Straub.
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Bild 3 von 5. Der «Wild Maa» ist der Liebling der Kinder. Viele versuchen, einen Apfel von seinem Kostüm zu stehlen (Foto: 2013). Bildquelle: KEYSTONE/Patrick Straub.
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Bild 4 von 5. Danach trifft der «Wild Maa» auf den «Leu» und den «Vogel Gryff» (von links). Nachmittags tanzen die drei Wappentiere ihre traditionellen Tänze an genau definierten Orten. Bildquelle: KEYSTONE/Georgios Kefalas.
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Bild 5 von 5. Am Vogel-Gryff-Tag ziehen die drei Ehrenzeichen «Vogel Gryff», «Wild Maa» und «Leu» gemeinsam mit drei Tambouren, drei Bannerherren und vier Ueli durch die Stadt. Die «Ueli» sammeln Geld für Bedürftige. Bildquelle: KEYSTONE/Georgios Kefalas.
Doch diese Tradition hat nun eine Neuerung erfahren: Am Dienstag wurden zwei Frauen aufgenommen. Neben den mehr als 400 Gesellschaftsbrüdern in den drei Ehrengesellschaften (3E) gibt es nun auch zwei Gesellschaftsschwestern.
Das ist sehr emotional und ich bin nervös.
Eine von ihnen ist Anna Grafström Burkhardt. Die schwedisch-schweizerische Doppelbürgerin ist bei der Ehrengesellschaft zum Rebhaus. «Das ist sehr emotional und ich bin nervös», sagt sie.
Die beiden Gesellschaftsschwestern
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Bild 1 von 2. Anna Grafström kennt ein Leben unter Männern: Als sie Physik studiert hat, habe es stets viel mehr Studenten als Studentinnen um sie herum gehabt. Bildquelle: SRF/Lucius Müller.
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Bild 2 von 2. Emélie Dunn ist neu bei der Ehrengesellschaft zum Greifen. Die Kritik an der Aufnahme von Frauen «lässt mich kalt», sagt sie. Bildquelle: SRF/Lucius Müller.
Die Ehrengesellschaft, die in den vergangenen Jahrhunderten Männern vorbehalten war, erlebe sie als vielfältig, sagt Grafström: «Die 3E sind sehr divers.» Sie würden Menschen verschiedener Parteien und unterschiedlicher sozialer Schichten vereinen. «Für mich war es keine Überraschung, dass nun auch Frauen mitmachen dürfen.»
Eine von wenigen Frauen unter vielen Männern zu sein, ist für die Physikerin keine neue Erfahrung: «Wir waren sieben Studentinnen und 200 Studenten.»
Auch für die andere Gesellschaftsschwester, Emélie Dunn, ist der Männerüberhang kein Problem. «Das lässt mich kalt», sagt sie lachend. Dunn ist bei der Ehrengesellschaft zum Greifen. Dass Frauen aufgenommen werden, «sollte im 21. Jahrhundert selbstverständlich sein.»
Dass es das nicht ist, wird klar, wenn man sich unter den Gesellschaftsbrüdern umhört. «Das ist ein altes Brauchtum, warum will man es uns nun wegnehmen?», ärgert sich einer. «Ich bin dagegen, absolut dagegen», sagt ein anderer.
Um Frauen haben sich die 3E während Hunderten von Jahren nicht bemüht. Nicht mal am «Gryffemähli» waren sie gern gesehen. Während Bundesräte, Wirtschaftsführer und andere Männer immer wieder eingeladen wurden, war das bei Frauen anders.
2001 kam es zum Bruch mit dieser Tradition. Erstmals luden die Ehrengesellschaften Frauen zum Ehrenmahl ein: Regierungsrätinnen aus den beiden Basel.
Das genügte vielen aber nicht. Innerhalb der Bürgergemeinde wurde Kritik an der Frauendiskriminierung lauter. Rechtsgutachten unterstützten diese Einschätzung. Die 3E passten 2021 ihre Reglemente an, noch bevor die Bürgergemeinde 2022 die Zunftordnung aktualisierte.
Gesellschaftsschwestern gab es bereits im Mittelalter
Den Ausdruck «Gesellschaftsschwestern» mussten die 3E für die nun aufgenommenen Frauen allerdings nicht erfinden: So neu, wie viele meinen, sind Frauen dort nämlich gar nicht. Gesellschaftsschwestern habe es bereits im Spätmittelalter gegeben, so die drei Ehrengesellschaften.
1515 und 1516 tauchen die Namen Kettrin Fischer und Christin Bäbler in Unterlagen der Ehrengesellschaft zum Rebhaus auf. 1604 liest man in Schriften der Ehrengesellschaft zum Greifen den Namen Barbara Weitnauer. Gesellschaftsschwestern waren aber auch damals keine Selbstverständlichkeit. Es handelte sich lediglich um Einzelfälle.
Und das wird auch noch einige Zeit so bleiben. Zwar gebe es weitere Frauen, die sich um eine Aufnahme bemühen, so die Ehrengesellschaften. Viele seien es aber nicht.