- Das Bundesamt für Umwelt rechnete die Klimalücke kleiner – obwohl es wusste, dass die wahre Zahl deutlich höher liegt.
- SRF-Recherchen zeigen, dass die Berechnungen nicht nach den Regeln des Pariser Klimaabkommens durchgeführt wurden.
- Die Kosten für die Schweizer Steuerzahler für verpasste Klimamassnahmen könnten damit massiv steigen.
34 Millionen Tonnen CO₂: So gross seien die Emissionen, die die Schweiz bis 2030 nicht im Inland senken kann und im Ausland kompensieren muss. Diese Zahl kommunizierte der Bundesrat letztes Jahr dem Parlament. Recherchen von SRF zeigen nun: Die Lücke ist deutlich grösser. Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) rechnete sie um bis zu einen Drittel kleiner, als sie ist – obwohl ihm die höhere Zahl bekannt war.
Ausgelöst hatte die Frage die Mitte-Politikerin Christine Bulliard-Marbach in einer Interpellation. Insbesondere zielten ihre Fragen auf den «Schweizer Weg» der CO₂-Kompensation ab. Die Schweiz will nämlich jene Emissionen, welche sie nicht im Inland reduzieren kann, mit Klimaprojekten im Ausland kompensieren. Je grösser diese Emissionslücke ist, desto grössere Kosten kommen aufs Parlament, und damit auf die Steuerzahler, zu. Die Zahl zeigt auch, wie schnell die Schweiz im Klimaschutz vorwärtsmacht. Eine solide Berechnung dieser Lücke ist damit zentral.
Bafu-Zahl ohne Wald und Land gerechnet
Doch genau diese Berechnung steht jetzt in der Kritik. Die wirkliche Lücke dürfte noch deutlich grösser sein als vom Bundesrat kommuniziert. Schon eine vor Kurzem veröffentlichte SRF-Prognose zweifelte an der offiziellen Zahl. Nun konnte SRF auf Grundlage des Öffentlichkeitsgesetzes die interne Berechnung des Bafu einsehen, auf welcher die öffentliche Zahl der Emissionslücke basiert. Diese zeigt, dass die Rechnung nicht nach den Regeln des Pariser Klimaabkommens durchgeführt wurde. Stattdessen wurde darin ein wichtiger Posten ausgeklammert, der sogenannte Landnutzungssektor. Dabei handelt es sich um jene Emissionen, die vom Schweizer Land und Wald gespeichert oder in die Atmosphäre abgegeben werden.
Diese Rechenart führt dazu, dass die Emissionslücke bis 2030 je nach Szenario um ca. 7 bis 18 Mio. Tonnen CO₂ unterschätzt wird. Das würden bisher unbekannte Mehrkosten von 245 bis 630 Millionen Franken ausmachen. Damit wäre die realistische Emissionslücke der Schweiz bis 2030 zwischen 40 und 50 Millionen Tonnen CO₂ – und damit bis zu 50 Prozent grösser als die vom Bund kommunizierte Lücke. Die Gesamtkosten für die Schweizer Steuerzahler für verpasste Klimamassnahmen könnten damit bis 2030 auf bis zu 1 Milliarde Franken ansteigen. Zusätzlich hatte die Rechenart des Bafu zur Folge, dass die Klimafortschritte der Schweiz so deutlich besser aussahen, als sie es tatsächlich sind.
Mehrere Experten bestätigen den Sachverhalt. Cyril Brunner, der an der ETH zu Klimaphysik forscht, hat die Szenarien von SRF gegengerechnet und kommt zu ähnlichen Ergebnissen.
Bafu wehrt sich gegen Vorwurf
Auf Anfrage bestätigt das Bafu, dass die Rechnung nicht im Einklang mit den aktuellen Schweizer Klimazielen ist. Das Bundesamt begründet die Rechnung damit, die Zahl nicht gemäss den Vorgaben des Pariser Abkommens, sondern gemäss damals geltendem Schweizer Recht berechnet zu haben. Die Berücksichtigung des Landnutzungssektors sei erst dreieinhalb Monate nach der Antwort auf die Interpellation per Verordnung in Kraft getreten und erst da relevant geworden. Ausserdem hätte man im Rahmen des jährlichen Treibhausgas-Inventars vor einem Monat aktiv dazu kommuniziert.
Dabei war von Anfang an klar, dass das neue CO₂-Gesetz, welches Anfang 2025 in Kraft trat, dazu dienen sollte, die Pariser Regeln in Schweizer Recht zu überführen. In seiner Botschaft zum Gesetzentwurf aus dem Jahr 2022 schrieb der Bundesrat: «Die Verminderungsziele, zu denen sich die Schweiz unter dem Übereinkommen von Paris verpflichtet hat, werden ins CO₂-Gesetz aufgenommen» und «Der Geltungsbereich des Gesetzes soll [...] die Wirkungen von Wald, verbautem Holz und von der Landnutzung umfassen». Die spätere Ergänzung der Verordnung entspricht also keiner plötzlichen Änderung der Berechnungsgrundlage, sondern lediglich einer formalen Präzisierung des bestehenden Rechtsverständnisses.
Kritiker fordern mehr Transparenz
Für Axel Michaelowa, Klimaforscher an der Uni Zürich, hätte das Bafu klar zum Ausdruck bringen müssen, wenn sich die Berechnungsgrundlagen veränderten. Nur so könne man politische Massnahmen ergreifen. «Wir haben noch dreieinhalb Jahre bis 2030, da muss jetzt politisch gehandelt werden.»
Die Mitte-Parlamentarierin Christine Bulliard-Marbach, die mit der Anfrage den Stein ins Rollen brachte, sieht sich vom Bafu nicht korrekt informiert: «Diese Zahlen sind eine wichtige Entscheidungsgrundlage für das Parlament. Eine transparente Kommunikation wäre sicher besser gewesen.»
Für Patrick Hofstetter, Klimaexperte beim WWF, verändern diese neuen Zahlen die Ausgangslage. Er fordert den Bundesrat dazu auf, seine Kompetenzen stärker zu nutzen. So könne er etwa die Treibstoffimporteure dazu verpflichten, mehr ihrer Emissionen zu kompensieren. Ausserdem erwarte er einen transparenten Finanzierungsbeschluss, der aufzeige, wie die absehbaren zusätzlichen Kosten finanziert werden könnten. Der Fall zeige «ein weiteres Mal, wie weit die Schweiz, trotz optimaler Bedingungen, davon weg ist, in puncto Klimaschutz eine Führungsposition einzunehmen», so Hofstetter.
Gemäss Bafu will der Bundesrat im Jahr 2027 eine Aussprache über die Zielerreichung im Jahr 2030 führen und dann die Kosten für die Schliessung der Ziellücke genauer beziffern. Dann soll auch die Landnutzung eine Rolle spielen.