Wenige Schritte von der Mittleren Brücke, nur ein paar Schritte vom Milieu weg, da ist das Herz des Quartiers: In ihrem winzigen Kiosk an der Rheingasse bedient Trudi Hartmann seit 60 Jahren Kundschaft aus aller Welt: «Unterschiedliche Menschen, alle Nationen, immer freundliche und nette Leute.» Nachbarn kommen ebenso gerne vorbei wie Gäste der Restaurants und Hotels rundum.
Ich mache keinen Unterschied, ob jemand ein Professor oder ein Clochard ist.
So hat sie mit ihren 88 Jahren immer noch Spass an ihrer Arbeit. «Ich mache keinen Unterschied, ob jemand ein Professor oder ein Clochard ist. Ich mag die Menschen.» Diese einzige Regel ist ihr Rezept fürs Glück. «So wie du in den Wald rufst, so klingt es zurück – meistens.»
Dabei liegt es nicht auf der Hand, genau dort mitten im Kleinbasel das Glück zu vermuten. Sie selber kaufte einst mit nur ein paar Franken in der Tasche den Kiosk, um selbstständig zu arbeiten. Dank einer Bürgschaft und einem Darlehen bekam sie damals die Chance. So ist ihr bis heute wichtig, füreinander da zu sein.
Radikale Grosszügigkeit
Wer gerade klamm ist, kann sich auch einmal etwas anschreiben lassen. Da manche auch später nicht zahlen, füllt sich das Buch, in dem sie die kleinen Schulden notiert. Doch auch da kann ihr grosses Herz einen Strich ziehen: «Ich habe schon einmal ein Buch weggeschmissen mit 18'000 Franken Schulden darin, damit ich mich nicht ärgere.»
An ihrer Ecke beim düsteren Durchgang zum Rhein hat sie auch viel Leid gesehen. Zeitweise verkehrten Drogensüchtige in jenen Strassen, die heute als Ausgehviertel beliebt sind. So bangte eine Chilenin – selbst Folteropfer, wie fehlende Fingernägel hätten vermuten lassen – um ihren Sohn, der in die Basler Szene abgestürzt war, und bat, im Kiosk warten zu dürfen, ob er vielleicht auftauche. «Ich habe auch geheult manchmal», erinnert sich Trudi Hartmann.
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Bild 1 von 5. «Ueli-Gässli» heisst der düstere Durchgang zum Rheinufer, an dessen Ecke der Kiosk steht. Selbst die Grossbaustelle hält die Kundschaft nicht davon ab, vorbeizuschauen. Bildquelle: SRF / Martina Inglin.
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Bild 2 von 5. Trudi Hartmann kann etwas kürzer treten, seit ihre vier Jahre jüngere Schwester Erika Furrer sie an manchen Tagen pro Woche ablöst. Bildquelle: SRF / Dominik Hofmann.
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Bild 3 von 5. Nichts mit Strichcode: Einkassieren ist hier noch Handarbeit. Bildquelle: SRF / Martina Inglin.
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Bild 4 von 5. Preise à l'ancienne: 2.50 Fr. für einen Kaffee «über d'Gass». Bildquelle: SRF / Dominik Hofmann.
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Bild 5 von 5. Wenige Schritte vom Kiosk liegt einer von Basels Touristen-Hotspots. Bildquelle: SRF / Dominik Hofmann.
Aber die Drögeler seien immer nett zu ihr gewesen. Einzelne hätten sogar um einen Besen gebeten, um Dreck wieder wegzuwischen. Schwieriger seien Betrunkene, sagt sie; die seien unberechenbar. Angst habe sie aber selten. Aus der Ruhe bringt sie auch die Baustelle nicht, die jetzt gerade die Strasse vor ihrem Fenster zur dröhnenden Geröllhalde macht.
Soviel Liebe auf einem Haufen findest du wohl in ganz Basel nirgends.
Dennoch ist die Rheingasse für sie ein toller Ort, wegen all der netten Menschen: «Soviel Liebe auf einem Haufen findest du wohl in ganz Basel nirgends.»
Kein Wunder, ist ihre Kundschaft happy – nicht nur, weil sie beim Bauarbeiter schon vor seiner Bestellung weiss, dass er seinen Kaffee mit zwei Zucker nimmt. «Trudi ist eine Institution hier in der Rheingasse, und das muss man unterstützen», sagt ein Kunde. Darum kaufe er seine Zigaretten bei ihr.
Ihr Kiosk dürfte auch einer der letzten Orte sein, wo man Zigis vieler Marken einzeln kaufen kann, wie früher. «Das ist aus der Zeit gefallen, das gibt es nicht mehr», lächelt ein anderer Kunde.
Für Trudi macht das Sinn: Die einen wollten aufhören zu rauchen und deshalb kein Paket Zigaretten dabei haben. Und andere hätten schlicht kein Geld, bloss für einen oder zwei Glimmstängel reiche es. Nicht zuletzt dürften ihre Preise attraktiv sein, die teils auf früherem Niveau geblieben sind.
Ganz alleine ist Trudi Hartmann in ihrem Kiosk nicht mehr: Ihre jüngere Schwester Erika Furrer übernimmt mehrere Tage in der Woche. Aufhören will sie aber nicht, «solange ich noch gehen kann und zufrieden bin». Schliesslich sei der Kiosk ja ihr Leben, sagt sie, und serviert einem weiteren Kunden einen Kaffee.