Kurswechsel in Wolfspolitik? - Bundesrat unterstützt eine Obergrenze für die Wolfspopulation
Der Bundesrat spricht sich dafür aus, eine Obergrenze für die Wolfspopulation einzuführen. Damit stellt er sich hinter zwei parlamentarische Vorstösse.
Wenn in der Schweiz eine gewisse Zahl an Wölfen erreicht ist, sollen überzählige Tiere geschossen werden, so die Forderung. Der Bundesrat unterstützt diese Forderungen aus dem Parlament. Der Vorschlag kommt aus dem Tessin.
Mitte-Ständerat Fabio Regazzi und FDP-Nationalrat Alex Farinelli haben gleichlautende Vorstösse eingereicht. Sie fordern einen Paradigmenwechsel. Das heutige System sei gescheitert, begründet Fabio Ragazzi seine Forderung. «Das heutige System ist zu kompliziert und zu bürokratisch. Man kann nicht genügend schnell reagieren. Und die Wölfe sind sehr mobil.»
Legende:
Zwei Tessiner Vorstösse treiben die Debatte um strengere Wolfsregulierung an.
Reuters/Arnd Wiegmann
Heute gibt es einen Mindestbestand von Wolfsrudeln. Wird er überschritten, dürfen Wölfe präventiv geschossen werden, um Probleme zu verhindern. Die Abschüsse werden im Einzelfall beurteilt und müssen bewilligt werden. Fabio Ragazzi will aber schnellere, unbürokratische Abschüsse. Wo der Schwellenwert für die Wolfspopulation liegen soll, würde zusammen mit den Kantonen vereinbart. «So tief wie möglich in meiner Vorstellung. Aber da muss eine Abwägung stattfinden.»
Dass der Bundesrat den Vorschlag zur Annahme empfiehlt, habe auch Regazzi selber überrascht. Eine Stellungnahme mit einer Begründung für den Entscheid des Bundesrats gibt es nicht.
Kritik von Tierschutzseite
Der Vorschlag ist sehr kontrovers. Der Geschäftsführer der Gruppe Wolf Schweiz (GWS) hält den Vorschlag für gar nicht umsetzbar. Bereits heute könnten geplante Abschüsse nicht vollzogen werden.
«Man gibt ganz viele Wölfe zum Abschuss frei. Aber der Vollzug klappt häufig nicht. Wir sehen beispielsweise im Tessin, dass man zwanzig Wölfe zum Abschuss freigegeben hat. Erwischt hat man nur fünf», sagt David Gerke von der GWS.
Gerke stört sich zudem daran, dass der Vorschlag vom skandinavischen Modell aus Norwegen und Schweden inspiriert ist. «Diese beiden Länder haben Wolfsbestände, die nicht überlebensfähig sind. Deshalb haben jüngst Gerichte diese Wolfsjagd auch gestoppt. Man orientiert sich an Ländern, die eine eigentliche Ausrottungspolitik vollziehen.»
Entscheid liegt beim Parlament
Über den Vorschlag nach einer Obergrenze bei der Wolfspopulation entscheidet das Parlament. Auch dort dürfte er kontrovers diskutiert werden. Traktandiert ist er in der kommenden Session zuerst im Ständerat.
Gibt es aus wissenschaftlicher Sicht einen Königsweg?
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Die Jagd auf Wölfe hat sich intensiviert. Und es zeigt sich: Die Wolfspopulation wächst weniger schnell als noch vor einigen Jahren. Liegt das an der intensiveren Regulierung? Der Biologe Simon Aeschbacher vom Schweizerischen Nationalpark im Engadin schätzt ein.
SRF News: Wächst die Population wegen Abschüssen langsamer?
Simon Aeschbacher: Das kann man leider nicht abschliessend sagen. Das geringere Wachstum könnte mit Regulierung zusammenhängen – oder damit, dass die Population natürliche Dichtegrenzen erreicht. Wir beobachten reine Korrelationen. Kausale Gründe bedürfen genaueren Untersuchungen.
Welche Effekte hat intensive Jagd auf den Wolf?
Das hat unterschiedliche Auswirkungen. Gebiete werden nach Rudelabschüssen oft rasch neu besiedelt. Zudem zeigen Daten aus dem Ausland erhöhte Stress- und Reproduktionshormone bei regulierten Wolfspopulationen. Das könnte darauf hindeuten, dass die Wölfe mit erhöhter Fortpflanzung reagieren. Ein dritter Aspekt, den wir auch in den Alpen beobachten, ist, dass Teilabschüsse die Rudel zersprengen können. So zerfällt der soziale Zusammenhalt und die übrig gebliebenen Wölfe suchen neuen Anschluss oder Territorien. Das bringt Unruhe in die Wolfspopulation.
Gibt es aus wissenschaftlicher Sicht einen Königsweg?
Der Königsweg aus wissenschaftlicher Sicht ist Nicht-Regulation. Die Wolfspopulation würde sich natürlich regulieren. Praktisch kommt es aber zu Konflikten zwischen dem Wolf und den Menschen, vor allem in der Landwirtschaft. Ein wissenschaftlicher Ansatz wäre, zu fragen, welche Massnahmen Nutztierrisse vermeiden würden. Das kann über Regulation oder über Herdenschutz geschehen. Regulation sollte sich auf gezielte, reaktive Abschüsse konzentrieren; auf Wölfe, die Nutztiere reissen. Und nicht die Wolfspopulation proaktiv regulieren. Eine proaktive Regulierung könnte kontraproduktiv sein, weil eine Entnahme immer wieder kompensatorisch ausgefüllt wird.