Im Stall von Milchbauer Hansjürg Steffen stehen 22 Kühe. Eine davon bringt er heute zum Schlachtviehmarkt. «Es reut mich schon, es war ein gutes Tier», sagt er. Doch Steffen muss seine Milchmenge senken. Die Emmentalerkäserei in der Region nimmt ihm eine Jahresmenge ab.
«Ich muss aufpassen, dass ich bis Ende Jahr nicht zu viel bringe.» Also verkauft er Vieh frühzeitig, das er sonst noch im Stall behalten hätte.
Das Problem mit dem Super-Heu
Die Branchenorganisation Milch spricht aktuell von einer «dramatischen Überproduktion». 10 Prozent mehr lieferten die Bauern derzeit. Auch die Kühe von Hansjürg Steffen geben mehr Milch: täglich zusätzlich vier Liter pro Kuh. «Das liegt am hochwertigen Futter», erklärt er. Abwechselnd Sonne und Regen hätten letztes Jahr zu einer Art Super-Heu geführt. Doch mehr Milch ist kein Glück, sondern ein Problem. Die Preise fallen. Im Extremfall wird noch rund 20 Rappen pro Kilo bezahlt.
Tote Tiere gefragter als lebendige
Auf dem Schlachtviehmarkt in Burgdorf ist der Milchpreis ein Thema. «Man bekommt für ein totes Tier mehr als für ein lebendiges, weil die Milch nicht gesucht ist», sagt ein Landwirt. Und fährt fort: «Wenn zu wenig Milch da ist, soll man Gas geben, wenn zu viel da ist, sinkt der Preis. Man ist einfach ausgeliefert.» Ein anderer redet von viel Geld, das so dieses Jahr fehle: «Investitionen können nicht gemacht, Schulden nicht abbezahlt werden.»
Der Schweizer Milchmarkt stösst gerade an seine Grenzen. Verarbeiter wie Emmi oder Cremo können die Milch teilweise nicht mehr verarbeiten. Mitunter sind in den letzten Jahren Fabriken und Käsereien geschlossen worden. Nun führen Produzentengenossenschaften wie zum Beispiel «Mooh» überschüssige Magermilch in Biogas-Anlagen. Immerhin entsteht dort noch Strom daraus. Viele Landwirte orten das Problem auch bei der Konkurrenz aus dem Ausland.
Wie weiter? Familie Bigler im bernischen Moosseedorf setzt auf Grösse und Effizienz. «Wir setzen viel Technik ein, um die wiederkehrenden Arbeiten zu erledigen», sagt Rudolf Bigler. Und so füttert ein Roboter, gemolken wird automatisch und im Freilaufstall dreht ein Mistroboter seine Runden. «Das Milchgeschäft ist heute knallhart», sagt Bigler. Als er den Hof übernommen hat, sei der Milchpreis fast doppelt so hoch gewesen wie heute. Seine Familie ist der einzige Milchproduzent im Dorf, früher waren es fast zwanzig.
Jeder vierte Milchbetrieb hat in den letzten zehn Jahren umgesattelt oder aufgehört. In Willadingen melkt Hansjürg Steffen auf seinem Betrieb vorerst weiter. Doch investieren will er nicht mehr: «Das würde sich nicht auszahlen», ist er überzeugt. Immerhin hat er für seine Kuh auf dem Schlachtviehmarkt einen guten Preis erhalten.