04.00 Uhr im Pflegezentrum Wattenwil BE: Es klingelt fast im Minutentakt. Nachts ist Pflegefachfrau Sandra Wenger mit zwei Pflegehilfen für 90 Menschen zuständig. Sie beugt sich zu einem Mann, seine Stimme zittert. «Ich habe Angst. Ich weiss nicht, wo ich bin.»
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Bild 1 von 4. Das Alterszentrum besteht aus zwei Gebäuden mit je 45 Bewohnenden. In einer geschützten Wohngruppe leben 13 Menschen mit Demenz. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 4. Die Menschen brauchen Nähe und Sicherheit – oftmals eine 1:1 Betreuung. Bildquelle: SRF.
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Anne-Marie Mader (89) ist eine Bewohnerin der Demenz-Wohngruppe. Im Zimmer liegen ihre Sachen fein säuberlich gepackt, als würde sie gleich abreisen. «Ich wohne nicht hier», sagt sie. «Ich helfe hier nur ein bisschen aus.» Ihr Zuhause sei ein anderes.
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Bild 1 von 3. Anne-Marie Mader ist dement. Sie wohnt seit 7 Monaten im Heim. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 3. Die Realität von Anne-Marie Mader ist eine andere: Sie wohne nicht hier, sondern sei nur zu Besuch. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 3. Sie packt fast täglich ihr Gepäck und möchte abreisen – zurück in ihr ehemaliges Haus. Bildquelle: SRF.
So geht es vielen Menschen mit Demenz, sie leben in einer eigenen Welt. «Die Kunst ist, in ihre Welt zu gehen», sagt Pflegefachfrau Christa Colella. Sie ist spezialisiert auf Demenz. «Es geht nicht darum, was richtig ist. Das bringt nichts.»
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Bild 1 von 2. Christa Collela leitet die Demenz-Abteilung. Sie mag ihre Arbeit sehr, obwohl sie sehr fordernd ist. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 2. Für Menschen in der Demenz-Abteilung ist ihre Realität die einzige, die zählt. Bildquelle: SRF.
In diesem Pflegeheim sind im Schnitt mehr Pflegende im Einsatz als der Kanton vorschreibt, dennoch: Der Vormittag ist streng – zwei Notfälle. Ein Bewohner ist im Rollstuhl kollabiert. «Das sind stressige Momente», sagt Cristian Conzales und holt das Blutdruckmessgerät. Zeit zum Durchatmen bleibt kaum.
Nebst der Hektik die Langsamkeit: Otto Trachsel (84) hat kaum Besuch. Seine Frau ist gestorben, Kinder hat er keine. Er sitzt stundenlang auf einer Bank oder besucht Aktivitäten des Heims. Wie lange er noch leben möchte? «So lange, wie es geht.»
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Bild 1 von 2. Otto Trachsel verbringt Stunden an seinem Lieblingsplatz. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 2. Er nimmt an der freiwilligen Kochgruppe teil. Das Angebot ist Teil der Aktivitäten, die das Heim für die Bewohnenden anbietet. Bildquelle: SRF.
Nebst der Pflege finden täglich Aktivierungen statt. Sie sollen Struktur geben, zur Interaktion anregen, Erinnerungen wecken. Es gibt eine Kochgruppe, Gedächtnistraining oder eine Interaktion mit der Roboterkatze. Ob die Bewohnenden wissen, dass sie nicht echt ist? Anne-Marie Mader sagt: «Das ist eine echte Katze. Sie ist jetzt halt tot.»
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Bild 1 von 3. Anton Thönen streichelt eine Roboterkatze. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 3. «Das ist eine echte Katze, sie ist jetzt halt tot», sagt Anne-Marie Mader. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 3. Interaktionen mit Roboter-Katze: Eine Aktivität für die Menschen mit Demenz. Bildquelle: SRF.
Am Nachmittag kommen Angehörige. Anton Thönen (86) bekommt Besuch von seiner Frau Rosmarie. Seit 64 Jahren sind sie ein Paar. Als sie ankommt, fragt er: «Hast du mir ein Velo mitgebracht?» Sie schüttelt den Kopf. «Dann legst du wenigstens einen Schlüssel für mich bereit.» Seine Frau erklärt, dass er hier bleiben muss. Er versteht es nicht.
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Bild 1 von 2. Anton Thönen und seine Frau Rosemarie. Sie besucht ihren dementen Mann regelmässig. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 2. Der Kontakt mit der Familie ist für viele Bewohnerinnen und Bewohner sehr wichtig. Bildquelle: SRF.
Dori Kappeler (86) bekommt Besuch von ihrer Tochter. Der Entscheid, die Mutter ins Heim zu bringen, sei kein einfacher. Aber: «Ich hatte dauernd Stress und Angst, dass sie plötzlich das Haus anzündet». Irgendwann blieb keine Wahl. Dori Kappeler seufzt. «Ja, ja, ich habe es dann schon selber eingesehen.»
17.30 Uhr. Die Abendstunden seien Krisenzeit, sagen die Pflegenden. Anne-Marie Mader wird von Christa Colella zurück ins Gebäude gebracht. Frau Mader wollte nach Hause. Sie liess sich nicht umstimmen. Jetzt sitzt sie da: angespannt, traurig. Die Pflegerin bleibt bei ihr, spricht beruhigend auf sie ein. Doch bald steht Frau Maders Gepäck wieder bereit – diesmal direkt neben der Ausgangstür.
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Bild 1 von 3. Die Pflegenden versuchen die demente Frau zu begleiten und sie immer wieder zu beruhigen. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 3. Anne-Marie Mader versteht nicht, warum sie hier im Heim bleiben soll. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 3. Die Abteilung für Menschen mit Demenz ist geschlossen. Dennoch möchte Anne-Marie Mader immer raus. Bildquelle: SRF.
Viele Menschen mit Demenz wollen nach Hause und warten bei den Türen. Das sei normal, erklärt Christa Colella später. Mit Geduld und Fürsorge gelingt es ihr, Frau Mader ins Bett zu bringen.
Doch für die Pflegefachfrau geht es gleich weiter. Ein Bewohner droht einem anderen: «Ich schiesse den nieder, diesen Maulaffen!» Colella bleibt ruhig, bestimmt. «Komm, wir schätzelen noch ein bisschen», sagt der Mann danach. «Auch dafür bin ich nicht zu haben», antwortet sie klar. Kaum draussen, irrt ein verwirrter Mann durch den Gang. Um 22.00 Uhr übergibt Christa Colella an die Nachtwache. Es geht weiter. Stunde um Stunde.