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Leben im Alter Das letzte Zuhause

Viele Menschen verbringen ihren Lebensabend im Pflegeheim. Oft unfreiwillig. Und es werden immer mehr. Laut Bund steigt die Zahl der Menschen mit Demenz bis 2050 um 77 Prozent. Wie ist das Leben im Pflegeheim? Die 24-Stunden-Reportage der «Rundschau».

04.00 Uhr im Pflegezentrum Wattenwil BE: Es klingelt fast im Minutentakt. Nachts ist Pflegefachfrau Sandra Wenger mit zwei Pflegehilfen für 90 Menschen zuständig. Sie beugt sich zu einem Mann, seine Stimme zittert. «Ich habe Angst. Ich weiss nicht, wo ich bin.»

Anne-Marie Mader (89) ist eine Bewohnerin der Demenz-Wohngruppe. Im Zimmer liegen ihre Sachen fein säuberlich gepackt, als würde sie gleich abreisen. «Ich wohne nicht hier», sagt sie. «Ich helfe hier nur ein bisschen aus.» Ihr Zuhause sei ein anderes.

So geht es vielen Menschen mit Demenz, sie leben in einer eigenen Welt. «Die Kunst ist, in ihre Welt zu gehen», sagt Pflegefachfrau Christa Colella. Sie ist spezialisiert auf Demenz. «Es geht nicht darum, was richtig ist. Das bringt nichts.»

In diesem Pflegeheim sind im Schnitt mehr Pflegende im Einsatz als der Kanton vorschreibt, dennoch: Der Vormittag ist streng – zwei Notfälle. Ein Bewohner ist im Rollstuhl kollabiert. «Das sind stressige Momente», sagt Cristian Conzales und holt das Blutdruckmessgerät. Zeit zum Durchatmen bleibt kaum.

Nebst der Hektik die Langsamkeit: Otto Trachsel (84) hat kaum Besuch. Seine Frau ist gestorben, Kinder hat er keine. Er sitzt stundenlang auf einer Bank oder besucht Aktivitäten des Heims. Wie lange er noch leben möchte? «So lange, wie es geht.»

Nebst der Pflege finden täglich Aktivierungen statt. Sie sollen Struktur geben, zur Interaktion anregen, Erinnerungen wecken. Es gibt eine Kochgruppe, Gedächtnistraining oder eine Interaktion mit der Roboterkatze. Ob die Bewohnenden wissen, dass sie nicht echt ist? Anne-Marie Mader sagt: «Das ist eine echte Katze. Sie ist jetzt halt tot.»

Am Nachmittag kommen Angehörige. Anton Thönen (86) bekommt Besuch von seiner Frau Rosmarie. Seit 64 Jahren sind sie ein Paar. Als sie ankommt, fragt er: «Hast du mir ein Velo mitgebracht?» Sie schüttelt den Kopf. «Dann legst du wenigstens einen Schlüssel für mich bereit.» Seine Frau erklärt, dass er hier bleiben muss. Er versteht es nicht.

Dori Kappeler (86) bekommt Besuch von ihrer Tochter. Der Entscheid, die Mutter ins Heim zu bringen, sei kein einfacher. Aber: «Ich hatte dauernd Stress und Angst, dass sie plötzlich das Haus anzündet». Irgendwann blieb keine Wahl. Dori Kappeler seufzt. «Ja, ja, ich habe es dann schon selber eingesehen.»

17.30 Uhr. Die Abendstunden seien Krisenzeit, sagen die Pflegenden. Anne-Marie Mader wird von Christa Colella zurück ins Gebäude gebracht. Frau Mader wollte nach Hause. Sie liess sich nicht umstimmen. Jetzt sitzt sie da: angespannt, traurig. Die Pflegerin bleibt bei ihr, spricht beruhigend auf sie ein. Doch bald steht Frau Maders Gepäck wieder bereit – diesmal direkt neben der Ausgangstür.

Viele Menschen mit Demenz wollen nach Hause und warten bei den Türen. Das sei normal, erklärt Christa Colella später. Mit Geduld und Fürsorge gelingt es ihr, Frau Mader ins Bett zu bringen.

Doch für die Pflegefachfrau geht es gleich weiter. Ein Bewohner droht einem anderen: «Ich schiesse den nieder, diesen Maulaffen!» Colella bleibt ruhig, bestimmt. «Komm, wir schätzelen noch ein bisschen», sagt der Mann danach. «Auch dafür bin ich nicht zu haben», antwortet sie klar. Kaum draussen, irrt ein verwirrter Mann durch den Gang. Um 22.00 Uhr übergibt Christa Colella an die Nachtwache. Es geht weiter. Stunde um Stunde.

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SRF Rundschau, 28.01.2026, 20.10 Uhr; noes

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