Natürlich regt sich Leni Robert noch auf. Wenn man wie sie das Weltgeschehen verfolge, gäbe es dafür genügend Gründe, erklärt die einstige Politikerin am Stubentisch. «Ich vergesse es einfach schneller wieder.» Schalk blitzt auf in den Augen der 89-Jährigen.
Heute sitzt Leni Robert in der Seniorenresidenz und blickt auf ihr Leben zurück. Auf die Polit-Anfänge 1971: «Ich war Feuer und Flamme für die Politik.» Als die FDP sie auf die Liste fürs Stadtparlament setzen wollte, sagte Robert zu – und wurde gewählt.
Pionierin für Umwelt und Frauen
Später wurde sie erste Berner Regierungsrätin, Nationalrätin und sass gar im Europarat. Doch der Weg dahin war steinig und voller Umwege – in der FDP war sie dann schon nicht mehr.
Robert war eine Pionierin. Sie kämpfte für Gleichberechtigung und Umweltschutz, lange bevor diese Themen mehrheitsfähig waren. So gründete sie mit «Bern bleibt grün» einen Verein, der sich für Grünflächen in der Stadt engagierte. «Ihr» Verein verhinderte etwa, dass der Monbijoupark überbaut wurde.
Tränengas und Polizeigewalt
Doch ihre Überzeugungen brachten sie in Konflikt mit der eigenen Partei. Ein Wendepunkt war, als die FDP-Grossrätin 1982 eine Demonstration von Jugendlichen für ein autonomes Jugendzentrum in der Reitschule beobachtete.
Die unbeteiligte Robert wurde mit den Jugendlichen in den Hinterhof der Polizeikaserne getrieben. Dort nebelte man die wehrlose Menge mit Tränengas ein. Zudem sah Robert Polizeigewalt: «Da stand ein Polizist auf der Hand eines Mädchens, zwei Minuten lang. Das Mädchen schrie, doch ihn schien das nicht zu kümmern.»
Von der eigenen Partei geächtet
Diese Ereignisse machte Robert öffentlich – zum Ärger ihrer Partei, denn Berns Polizeidirektor war ein Freisinniger. Die FDP verweigerte ihr in der Folge die Nomination für den Nationalrat. Robert verliess die Partei und gründete die «Freie Liste», eine Vorläuferin der Grünen, für welche sie umgehend ins Bundesparlament gewählt wurde.
«Leni Robert war unerschrocken, eine Vorreiterin», erklärt Bettina Hahnloser, welche soeben die Biografie Roberts veröffentlicht hat. Wenn die FDP-Frau Robert humanistische oder umweltfreundliche Positionen vertrat, dann habe das polarisiert. «Die FDP hat nicht erkannt, dass Robert Positionen vertrat, die Zukunft haben», so Hahnloser.
Hatte sie nie genug von allem? Leni Robert lächelt: «Von der Politik hat man nie die Schnauze voll – höchstens von der Partei oder bestimmten Personen der Partei.» Auch privat war Roberts Leben eine Herausforderung. Die alleinerziehende Mutter erhielt nächtliche Anrufe, man drohte ihr, sie werde ihren Sohn nie wiedersehen. Ein Parteikollege und enttäuschter Verehrer schrieb ihr anonyme Hassbriefe.
Noch lange nicht zufrieden
Die verwitwete, alleinerziehende Mutter fühlte sich oft einsam, wie sie heute gesteht. Doch meist arbeitete sie unbeirrbar weiter und folgte ihren politischen Idealen. «Man lebt ja nicht zum Daumen drehen und herumsitzen», lacht Robert.
Heute sind Leni Roberts Kernthemen – Gleichberechtigung und Umweltschutz – in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Zufrieden ist sie aber noch lange nicht, etwa was Frauenrechte angeht.
«Wenn ich etwas jünger wäre, würde ich mich wohl noch immer einsetzen», sagt Robert am Tisch in ihrer kleinen Wohnung. «Aber eigentlich habe ich meine Sache gemacht.»