Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Luzerner Studie Die Schweizer Antisemiten um Komponist Richard Wagner

Zu Lebzeiten finden sich keine Verbindungen zu Antisemiten in der Schweiz – anders bei der Gründung des Wagner Museums.

Richard Wagner lebte während mehrerer Jahre in der Schweiz, in Zürich und in Luzern. In dieser Zeit arbeitete er an der judenfeindlichen Schmähschrift «Das Judentum in der Musik». 1869 veröffentlichte er den Text als Broschüre unter seinem Namen.

Weisses Haus auf einem Hügel mit Bäumen.
Legende: Das Richard Wagner Museum steht auf einer Landzunge am Vierwaldstättersee nahe der Stadt Luzern. Keystone/Urs Flüeler

Damals lebte der Komponist in einer Villa am Vierwaldstättersee, die heute das Richard Wagner Museum beheimatet.

Ausstellung der Broschüre löste Untersuchung aus

Box aufklappen Box zuklappen

Richard Wagners Antisemitismus ist bekannt. In der Untersuchung ging es um die Verbindungen zwischen dem Komponisten, seinem Antisemitismus und der Stadt Luzern.

Der Auslöser dafür war eine neue Dauerausstellung, die vor rund drei Jahren im Richard Wagner Museum in Luzern eröffnet wurde. Darin wurde auch die antisemitische Broschüre «Das Judentum in der Musik» gezeigt, allerdings wenig prominent in einer Vitrine neben Schriften zu anderen Themen. In einem Audioguide wies eine der zwanzig Stationen knapp, aber klar auf die antisemitische Haltung Richard Wagners hin.

Es wurde die Kritik laut, dass das Thema zu wenig Raum bekomme in der Ausstellung. Nach Vorstössen von politisch linker Seite beauftragten die Stadt Luzern und das Museum einen Historiker mit der Untersuchung zu Richard Wagners Antisemitismus und der Stadt Luzern, deren Resultate nun vorliegen.

Der Historiker Patrik Süess hat untersucht, wie die Menschen in der Schweiz auf die Veröffentlichung des judenfeindlichen Textes reagierten. Wagner spricht jüdischen Menschen darin die Fähigkeit ab, Kunst zu schaffen.

Europa reagiert, die Schweiz nicht

Süess hat Zeitungsartikel und Wagners Korrespondenzen mit Personen aus Luzern und Zürich angeschaut – und kommt zum Schluss: «In der Schweiz wurde die Schrift so gut wie nicht beachtet.»

Das sei speziell. In Nachbarländern oder auch in Grossbritannien und den USA habe die Presse reagiert. «Meist waren das sehr negative Kritiken. Man empörte sich darüber, dass der bekannte Herr Wagner so etwas veröffentlichte.»

Bronzeskulptur eines Mannes mit Bäumen im Hintergrund.
Legende: Richard Wagner gilt als einer der einflussreichsten Komponisten der Romantik. Keystone/Urs Flüeler

Warum die Reaktionen in der Schweizer Presse ausblieben, kann auch der Historiker nicht abschliessend beurteilen. «Es ist möglich, dass die Schrift als zu theoretisch angesehen wurde.»

Er habe dieses Desinteresse bereits einmal beobachtet: als er sich vertieft mit der Gleichstellung von Juden in der Schweiz im 19. Jahrhundert auseinandersetzte.

Museumsgründer mit Sympathien für Nazis

In der Stadt Luzern wuchs Jahre nach dem Wegzug von Richard Wagner das Interesse an ihm. Die Stadt kaufte die von ihm zuvor bewohnte Villa. 1933 eröffnete sie darin ein Museum zu Ehren des Komponisten.

Auch diese Phase hat Patrik Süess untersucht. «Am Anfang waren Personen dabei, die einem teils nationalsozialistischen Gedankengut positiv gegenüberstanden», sagt er.

Elegantes Wohnzimmer mit Flügel, antiken Möbeln und Porträtgemälden.
Legende: Noch heute zeigt die Ausstellung Richard Wagners Vorliebe für teure Stoffe und Möbel. Richard Wagner Museum

«In den 1930er-Jahren hatte sich im deutschen Bayreuth ein Zentrum des hochkulturellen Rechtsextremismus entwickelt», erklärt Patrik Süess. Richard Wagner hatte dort ein Festspielhaus für die Aufführung seiner Werke errichten lassen.

«Die Schweizer Freunde Bayreuths»

«Es bildete sich ein ‹Wagnerismus›», so der Historiker. Damit verbunden gewesen sei eine politisch sehr rechte Weltanschauung. «Es wurden antisemitische und rassistische Thesen verbreitet.»

Ansicht eines grossen, historischen Gebäudes mit Backsteinfassade.
Legende: Das Festspielhaus in Bayreuth nach den Entwürfen Richard Wagners wurde 1876 mit der Oper «Rheingold» eröffnet. DPA/DANIEL KARMANN

Menschen, die sich für Wagner interessierten, seien häufig dieser Kultur entsprungen – so auch der Basler Adolf Zinstag. Er leitete den Verein «Die Schweizer Freunde Bayreuths» und gehörte der ersten Museumskommission an. Ebenfalls dabei war der Winterthurer Musikhistoriker Max Fehr, der sich mit Wagners Zeit in der Schweiz befasst hatte.

«Beide gehörten der politischen Rechten an und dürften positiv auf die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland reagiert haben», so die Einschätzung von Patrik Süess. Adolf Zinstag habe sich später distanziert.

Die Spuren im Museum

Doch trotz dieser Verbindungen: Das Museum sei keine unmittelbare Plattform gewesen für antisemitische Propaganda. «Es ging vor allem darum, so viele Objekte wie möglich aus der Hand von Richard Wagner zu zeigen.»

Diese Objekte wird es wohl auch weiterhin zu sehen geben – allerdings mit mehr Kontext. Das Richard Wagner Museum hat bereits jüdische Perspektiven in die Ausstellung einfliessen lassen. Eine weitere Sonderausstellung 2027 wird die Erkenntnisse der jüngsten Untersuchung präsentieren.

Regionaljournal Zentralschweiz, 12.5.2026, 17:30 Uhr

Meistgelesene Artikel