Richard Wagner lebte während mehrerer Jahre in der Schweiz, in Zürich und in Luzern. In dieser Zeit arbeitete er an der judenfeindlichen Schmähschrift «Das Judentum in der Musik». 1869 veröffentlichte er den Text als Broschüre unter seinem Namen.
Damals lebte der Komponist in einer Villa am Vierwaldstättersee, die heute das Richard Wagner Museum beheimatet.
Der Historiker Patrik Süess hat untersucht, wie die Menschen in der Schweiz auf die Veröffentlichung des judenfeindlichen Textes reagierten. Wagner spricht jüdischen Menschen darin die Fähigkeit ab, Kunst zu schaffen.
Europa reagiert, die Schweiz nicht
Süess hat Zeitungsartikel und Wagners Korrespondenzen mit Personen aus Luzern und Zürich angeschaut – und kommt zum Schluss: «In der Schweiz wurde die Schrift so gut wie nicht beachtet.»
Das sei speziell. In Nachbarländern oder auch in Grossbritannien und den USA habe die Presse reagiert. «Meist waren das sehr negative Kritiken. Man empörte sich darüber, dass der bekannte Herr Wagner so etwas veröffentlichte.»
Warum die Reaktionen in der Schweizer Presse ausblieben, kann auch der Historiker nicht abschliessend beurteilen. «Es ist möglich, dass die Schrift als zu theoretisch angesehen wurde.»
Er habe dieses Desinteresse bereits einmal beobachtet: als er sich vertieft mit der Gleichstellung von Juden in der Schweiz im 19. Jahrhundert auseinandersetzte.
Museumsgründer mit Sympathien für Nazis
In der Stadt Luzern wuchs Jahre nach dem Wegzug von Richard Wagner das Interesse an ihm. Die Stadt kaufte die von ihm zuvor bewohnte Villa. 1933 eröffnete sie darin ein Museum zu Ehren des Komponisten.
Auch diese Phase hat Patrik Süess untersucht. «Am Anfang waren Personen dabei, die einem teils nationalsozialistischen Gedankengut positiv gegenüberstanden», sagt er.
«In den 1930er-Jahren hatte sich im deutschen Bayreuth ein Zentrum des hochkulturellen Rechtsextremismus entwickelt», erklärt Patrik Süess. Richard Wagner hatte dort ein Festspielhaus für die Aufführung seiner Werke errichten lassen.
«Die Schweizer Freunde Bayreuths»
«Es bildete sich ein ‹Wagnerismus›», so der Historiker. Damit verbunden gewesen sei eine politisch sehr rechte Weltanschauung. «Es wurden antisemitische und rassistische Thesen verbreitet.»
Menschen, die sich für Wagner interessierten, seien häufig dieser Kultur entsprungen – so auch der Basler Adolf Zinstag. Er leitete den Verein «Die Schweizer Freunde Bayreuths» und gehörte der ersten Museumskommission an. Ebenfalls dabei war der Winterthurer Musikhistoriker Max Fehr, der sich mit Wagners Zeit in der Schweiz befasst hatte.
«Beide gehörten der politischen Rechten an und dürften positiv auf die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland reagiert haben», so die Einschätzung von Patrik Süess. Adolf Zinstag habe sich später distanziert.
Die Spuren im Museum
Doch trotz dieser Verbindungen: Das Museum sei keine unmittelbare Plattform gewesen für antisemitische Propaganda. «Es ging vor allem darum, so viele Objekte wie möglich aus der Hand von Richard Wagner zu zeigen.»
Diese Objekte wird es wohl auch weiterhin zu sehen geben – allerdings mit mehr Kontext. Das Richard Wagner Museum hat bereits jüdische Perspektiven in die Ausstellung einfliessen lassen. Eine weitere Sonderausstellung 2027 wird die Erkenntnisse der jüngsten Untersuchung präsentieren.