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Männer in der Kinderbetreuung Kita-Betreuer: «Mein Dasein als Mann macht mich nicht zum Täter»

Nach dem Missbrauchsfall in Winterthur und Bern geraten Kita-Betreuer unter Verdacht, weil sie Männer sind. Zwei Betroffene erzählen, wie sie mit Misstrauen umgehen, und welche Konsequenzen sie ziehen.

Fabian Moser und Jonathan Agoües arbeiten beide in der Kinderbetreuung. Der eine seit über 18 Jahren, der andere steht am Anfang seiner Laufbahn. Beide sind überzeugt: Auch Männer gehören in Kitas. «Mein Dasein als Mann macht mich nicht zu einem Täter – auch nicht zu einem potenziellen Täter», sagt Jonathan Agoües.

In der Branche sind nur rund acht Prozent des Betreuungspersonals Männer. Der Beruf ist eine Frauendomäne. Das spürt Moser immer wieder. «Eltern haben immer wieder Bedenken geäussert. Nicht wegen mir als Person, sondern weil ich ein Mann bin.» Teilweise hätten sie ihre Kinder deshalb in eine andere Kita geschickt, sagt der 37-Jährige.

«Das löst Trauer und Unverständnis aus, weil man mich unter Generalverdacht stellt.» Gleichzeitig ist Moser überzeugt, dass männliche Betreuungspersonen wichtig sind – besonders für Kinder, die ohne männliche Vorbilder aufwachsen.

Kita-Betreuer unter Druck

Nach den Missbrauchsfällen in zwei Kitas in Bern und Winterthur geraten Männer in der Kinderbetreuung zusätzlich unter Druck.

Kita-Betreuer soll mindestens 15 Kleinkinder missbraucht haben

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Ein Schnuller hängt im Vordergrund, unscharfer Hintergrund mit Bäumen und Menschen.
Legende: SRF

Ein Betreuer soll in zwei privaten Kitas im Raum Winterthur und Bern mindestens 15 Kleinkinder schwer missbraucht haben. Das jüngste Opfer soll zum Tatzeitpunkt ein Jahr alt gewesen sein, das älteste vier Jahre alt. Der Grossteil der Opfer sind Mädchen.

Aus der Anklageschrift der Berner Staatsanwaltschaft mit Stand Ende Juli 2025 geht hervor: Der 33-jährige Schweizer soll innerhalb von eineinhalb Jahren über 50 Übergriffe verübt haben – auf der Toilette, im Schlafsaal und sogar im Hauptraum der Kita. Laut Anklageschrift war der Beschuldigte mit seinen mutmasslichen Opfern allein im Raum, hinter verschlossenen Türen, zum Teil halbnackt. Er soll sie minutenlang missbraucht und sich dabei gefilmt haben.

Laut «NZZ» meldete bereits 2020 eine Mutter Auffälligkeiten in der Kita in Winterthur. Später auch ein Lernender. SRF-Recherchen zeigen: Im Sommer 2022 wäre der Beschuldigte beinahe aufgeflogen. Eine besorgte Mutter meldet sich bei der Leitung der Winterthurer Kita. Ihre vierjährige Tochter habe ihr gegenüber gesagt, dass sie vom Beschuldigten missbraucht worden sei.

Daraufhin reicht die Kita-Leitung eine Strafanzeige bei der Zürcher Kantonspolizei ein. Weil der Mann die Aussage verweigert und das vierjährige Kind bei der Einvernahme schweigt, werden die Ermittlungen Ende Mai 2023 eingestellt. Der Betreuer wird dennoch entlassen und wechselt anschliessend in eine Kita in Bern, die von den früheren Verdachtsmeldungen nichts erfährt.

2024 wird der Mann verhaftet. Laut Anklageschrift findet die Polizei mehr als 800 kinderpornografische Bilder und Videos, darunter auch Aufnahmen mit den mutmasslichen Übergriffen aus den Kitas. Ausschlaggebend für die Verhaftung war laut NZZ eine Meldung der US-Organisation National Center for Missing and Exploited Children (NCMEC). Das NCMEC ist eine gemeinnützige Organisation, die Verdachtsfälle im Zusammenhang mit Kinderpornografie an Behörden in aller Welt weiterleitet.

Der Beschuldigte ist grösstenteils geständig. Die Hauptverhandlung ist für Januar 2027 angesetzt.

Auf Social Media kursieren Vorwürfe gegen Männer, die in der Kinderbetreuung arbeiten. Manche fordern sogar, sie aus Kitas zu verbannen. Das belastet Fabian Moser. Er beginnt, sich im Arbeitsalltag einzuschränken. «Ich habe gewisse Aufgaben delegiert und gar nicht mehr selbst gemacht: wickeln, Kinder umziehen oder andere pflegerische Tätigkeiten.»

Auch das Schutzkonzept seiner Kita gibt ihm nicht die nötige Sicherheit. «Die Kita-Branche lebt von Personalmangel, Sparmassnahmen und Ausfällen. Schutzkonzepte können dem nicht immer standhalten», sagt der zweifache Vater. Schliesslich kündigt er seine Stelle.

Jonathan Agoües lässt sich vom Misstrauen gegen Männer in Kitas weniger beeindrucken. «Kinderbetreuung als Frauensache zu betrachten, ist Steinzeitdenken», sagt der 24-Jährige. Entscheidend sei nun die Aufarbeitung solcher Fälle.

Im Arbeitsalltag erlebt Agoües kaum Vorbehalte. Trotzdem stoppt der Verwaltungsrat seiner Kita einen geplanten Dreh im Betrieb. Der Vorstand befürchtet, mit den Missbrauchsfällen in Verbindung gebracht zu werden. Kommentieren will Agoües den Entscheid nicht.

Gerüchte unter Eltern

Nach Fabian Mosers Kündigung entstehen Gerüchte. «Es sind Verdächtigungen entstanden, dass ich die Kita aufgrund gewisser Vorfälle verlassen habe, die medial diskutiert wurden.» Gemeint sind die Übergriffe in Winterthur und Bern, mit denen Fabian Moser nichts zu tun hat. Er sei auch nie negativ aufgefallen, bestätigt seine ehemalige Kita auf Anfrage. «Die Gerüchte haben mich fest getroffen», sagt er.

Laut Kibesuisse verlassen Männer den Beruf überdurchschnittlich häufig. Die Branche versucht seit Jahren, mit Förderprogrammen mehr Männer zu gewinnen. Jonathan Agoües befürchtet, dass Missbrauchsfälle und Misstrauen diese Bemühungen gefährden könnten. «Es braucht Mut, als Mann in diesen Beruf zu gehen. Aber es lohnt sich, weil es eine schöne, sinnstiftende Arbeit ist.»

Statt in einer Kita arbeitet Fabian Moser heute in der Tagesbetreuung einer Primarschule. «Die Kinder sind älter, der pflegerische Aspekt fällt weitgehend weg», sagt er. Am neuen Ort hat er die Freude am Beruf wieder gefunden: «Ich würde mich immer wieder für diesen Beruf entscheiden.»

«Rundschau»

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Rundschau vom 24.06.2026, 20:10 Uhr

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