Verteidigungsminister Martin Pfister vertritt die Schweiz auf dem Asien-Sicherheitsgipfel in Singapur. Die neuen sicherheitspolitischen Herausforderungen in Europa und im asiatischen Raum seien oft verblüffend ähnlich, die Lage sei beiderorts angespannt. Genau deshalb könne man viel voneinander lernen – und müsse konkret voneinander profitieren, sagt Pfister in Singapur im Interview mit SRF.
SRF News: Hat die Sicherheitslage in Asien direkte Konsequenzen für die Schweiz?
Martin Pfister: Ja. Asien ist ein wichtiger Ort für sehr viele Güter, die für unsere Wirtschaft von zentraler Bedeutung sind. Zudem ist Asien ein Absatzmarkt und die Lieferketten und deren Sicherheit sind für die Schweiz von zentraler Bedeutung.
Es ist wichtig, dass die Schweiz auch wahrgenommen wird als Land, das seinen Beitrag zur Sicherheit leistet.
In den Debatten hier ist davon die Rede, dass die Weltordnung am Zusammenbrechen sei. Ist das auch Ihre Einschätzung?
Ich hoffe, dass sie nicht am Zusammenbrechen ist. Aber sie verändert sich momentan in sehr schnellem Tempo. Zudem verändern sich auch die Rahmenbedingungen für die Schweiz. Es ist wichtig, dass die Schweiz als ein Land wahrgenommen wird, das seinen Beitrag zur Sicherheit leistet. Die Position der USA wurde klar. Der amerikanische Verteidigungsminister oder Kriegsminister, wie er sich nennt, hat deutlich gemacht, dass sich die USA auf ihre Nachbarschaft konzentrieren, dann in zweiter Linie auf den asiatisch-pazifischen Raum und erst am Schluss auf Europa.
Welche Konsequenzen hat das militärisch, sicherheitspolitisch für die Schweiz?
Dass sich die europäischen Länder selbst schützen und jetzt ihre Anstrengungen verstärken müssen, weil Amerika zum Ausdruck gebracht hat, dass der traditionelle Schirm, die Schutzfunktion der USA für Europa, wegfällt.
Natürlich haben alle Länder Nachholbedarf, und die Schweiz macht bereits einiges.
Zwischen Singapur und der Schweiz gibt es auch im militärischen Bereich eine Zusammenarbeit. Kann die Schweiz von Singapur lernen?
Ja, wir sind sehr ähnlich strukturiert. Wir sind klein, wirtschaftlich sehr erfolgreich, beide Länder haben auch eine Wehrpflichtarmee, und wir arbeiten sehr eng im technologischen Bereich zusammen, etwa in der Rüstungstechnologie oder in der Wissenschaft.
Man sagt, dass Singapur punkto Cyberabwehr fortgeschritten ist. Hat die Schweiz Nachholbedarf?
Natürlich haben alle Länder Nachholbedarf, und die Schweiz macht bereits einiges. Der Verteidigungsminister von Singapur hat mir gesagt, dass sie im Moment von uns lernten und wir für sie ein wichtiger Partner seien in der Erfahrung bei Cyberbedrohung, die häufig auch aus dem asiatischen Raum kommt.
Bei der Lieferung von Rüstungsgütern aus den USA gibt es grosse Verzögerungen. Kommen für die Schweiz auch in Süd- und Südostasien Länder als Rüstungsanbieter infrage?
Ja, es gibt hier grosse Initiativen. Die Industrie und die Wirtschaft in Asien ist auch in Europa dran, diese Kapazitäten aufzubauen. Insbesondere Südkorea bietet sich hier als Rüstungspartner an. Verschiedene europäische Länder kaufen sehr viele Rüstungsgüter in Südkorea ein. Es scheint, dass der asiatischen Raum auch für Rüstungsgüter wichtig wird.
Ein südkoreanisches Luftabwehrsystem ist eine mögliche Alternative, wenn die Patriot-Systeme nicht geliefert werden können.
Ein südkoreanisches Luftabwehrsystem wird offenbar konkret erwogen. Ist das eine realistische Alternative?
Es ist erstaunlich, wie schnell Südkorea entsprechende Systeme anbietet und erkannt hat, dass die Luftabwehr vor allem aus grosser Distanz eine zentrale Fähigkeit ist. Deshalb ist dieses System, das Südkorea herstellt, eine mögliche Alternative, wenn die Patriot-Systeme nicht geliefert werden können.
Das Gespräch führte Fredy Gsteiger.