So steht es in der Anklageerhebung und einer aussergewöhnlichen Meldung an die Behörden. Die Folgen für den 62-jährigen Sicherheitschef: ein Nasenbeinbruch und eine Prellung am Hals, später wird ein Schädel-Hirn-Trauma festgestellt. Ende Mai 2026, eineinhalb Jahre nach der Attacke, ist er gezwungen, das Massnahmenzentrum Uitikon (MZU) wegen Invalidität zu verlassen. Ihn plagen immer wieder starke Kopfschmerzen und Schwindel.
Wie konnte es so weit kommen? Was ist los im MZU, dem Ort, wo straffällige männliche Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 16 und 29 Jahren eine Massnahme verbüssen?
Das MZU gerät mit dem Angriff nicht zum ersten Mal in die Schlagzeilen. Nach dem Ausbruch von vier jungen Männern im Frühling 2024 sah sich das Zentrum gezwungen, die Sicherheit zu erhöhen. Gitter vor den Gemeinschaftsräumen etwa oder Teller aus Plastik statt Porzellan. Doch wie Recherchen von SRF Investigativ zeigen, hat sich die Situation in den letzten zwei Jahren nicht beruhigt.
Gespräche mit rund zehn Personen im Umfeld des MZU offenbaren erhebliche Sicherheitsprobleme in der wohl wichtigsten Massnahmeneinrichtung für Jugendliche und junge Erwachsene der Deutschschweiz. Die Probleme stehen in Zusammenhang mit vielen Kündigungen und einem neuen, umstrittenen Führungskurs – während gleichzeitig seit kurzem noch jüngere Straftäter aufgenommen werden.
Unterbesetzter Sicherheitsdienst
Der Fall von Omar (Name geändert), der als unbegleiteter Minderjähriger aus Afghanistan in die Schweiz flüchtete, ist ein drastisches Beispiel eines Klienten – so werden die jungen Männer innerhalb des MZU genannt. Und doch kein untypisches. Laut Experten werden vermehrt jüngere Straftäter im MZU eingewiesen, die ein hohes Aggressionspotential zeigen und Absprachen weniger einhalten.
Wenige Tage, bevor der 16-Jährige im Oktober 2024 ins MZU kam, hatte er im Gefängnis Limmattal eine Aufsichtsperson angegriffen. In der Folge warnte der Leiter des MZU-Sicherheitsdienstes nach eigenen Angaben mündlich davor, den Jugendlichen aufzunehmen. Trotzdem entschied sich der Direktor für eine Aufnahme.
Bereits beim Eintritt kam es zu einem Vorfall: Laut Informationen von SRF Investigativ fasste Omar einer Sicherheitsmitarbeiterin an die Brust. Einen Monat später attackierte er den Leiter des Sicherheitsdienstes.
So ist der Angriff dokumentiert:
Der Angriff ereignete sich zu einer Zeit, als der Sicherheitsdienst gemäss mehreren Quellen unterbesetzt war. Der Verletzte selbst sagt, das MZU sei im Herbst 2024 für die Aufnahme eines derart anspruchsvollen Klienten nicht genügend ausgebildet gewesen. Die speziell dafür nötige Sicherheitsausbildung habe erst begonnen. Bis heute sind laut Quellen zwei bis drei Stellen im Sicherheitsdienst offen.
Und der Angreifer? Wenige Tage nach der Attacke wurde er ins Gefängnis Limmattal verlegt, ein paar Wochen später zurück ins MZU – trotz erneuter Warnungen des Sicherheitschefs. «Es ist eine Frage der Zeit, bis er wieder zuschlägt», schrieb er Mitte Dezember 2024 an MZU-Direktor Carmelo Campanello. Omar sei «extrem gefährlich». Man habe weder die Infrastruktur noch genügend Personal, um einen solch unberechenbaren Klienten zu beherbergen.
Der Direktor folgte der Einschätzung seines Sicherheitschefs auch dieses Mal nicht. Wenig später kam es erneut zu Gewaltvorfällen: Der Jugendliche, der offenbar an einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung leidet, bedrohte Anfang Februar 2025 Mitinsassen und versetzte einem Sozialpädagogen einen Kopfstoss – genau wie bei der Attacke auf den Sicherheitschef. Zwei Wochen später verletzte Omar einen Sicherheitsmitarbeiter mit einem scharfkantigen Stück Alublech.
Der Bericht zum Vorfall mit dem Alublech:
Im April 2025 sollte Omar ein weiteres Mal ins MZU verlegt werden. Nun warnte der Stellvertreter des verletzten Sicherheitschefs. Das Risiko eines erneuten Gewaltvorfalls sei «real und erheblich». Bei einem weiteren Personalausfall könne man «die Sicherheit im MZU nicht mehr gewährleisten».
Jetzt – ein halbes Jahr nach der ersten Warnung – reagierte der Direktor: In einem vertraulichen «Memo» an die Jugendanwaltschaft spricht sich Carmelo Campanello «vorübergehend» gegen eine Aufnahme des Jugendlichen aus. Er schreibt: «Die aktuellen personellen Ausfälle im MZU-Sicherheitsdienst erzeugen einen prekären Notstand unseres Sicherheitsdispositiv.» Omar kam nicht.
Das vertrauliche «Memo» des Direktors:
Justizvollzug und Wiedereingliederung (JuWe) kann wegen des Amtsgeheimnisses nichts zum Fall Omar sagen. Das Amt bestätigt aber, dass Stellen im Sicherheitsdienst vakant seien. Ab August sei dieser wieder vollzählig. Und: Unabhängig davon, ob vor der Aufnahme des Jugendlichen gewarnt worden sei, habe das MZU als kantonale Institution eine grundsätzliche Aufnahmepflicht für genau diese Art von Klientel. Gleichzeitig müsse man das Personal schützen. «Dafür braucht es die geeignete Infrastruktur und genügend gut ausgebildetes Personal. Beides ist im MZU vorhanden.»
Auf Nachfrage schreibt das Amt, eine Anstalt könne die Aufnahme aus wichtigen Gründen verweigern. Dann müsse die Jugendanwaltschaft nach einer adäquaten Unterbringung suchen.
Schwerste Delikte
Die jungen Straftäter im MZU haben schwere Delikte begangen, darunter Tötung, Vergewaltigung oder Raub. Viele haben komplexe Störungsbilder, sind sozial und psychisch auffällig. Manche waren in anderen Institutionen nicht mehr führbar oder wurden dort gar nicht erst aufgenommen. Omar wurde von mehreren Einrichtungen abgelehnt – bis er schliesslich ins MZU kam.
Vier solcher Straftäter türmten im Mai 2024 nach einer Meuterei aus der geschlossenen Abteilung für die jüngsten Klienten. Sie griffen zwei Betreuer und eine Sicherheitsperson an, schlugen eine Scheibe ein und flohen übers Dach und den stachelgeschützten Zaun. Zahlreiche Medien berichteten.
Ein Straftäter haute vier Mal ab
Die vier Jugendlichen wurden innert weniger Tage gefasst. Recherchen von SRF Investigativ zeigen jedoch, dass es im MZU auch davor und danach immer wieder zu Entweichungen kam. Nicht immer erfuhr die Öffentlichkeit davon: Ende April 2024 etwa lieferten sich zwei junge Männer im Alter von 16 und 19 mit einem gestohlenen Maserati eine Verfolgungsjagd mit der Zürcher Stadtpolizei. Auf der Hardbrücke prallten sie in ein Auto und eine Velofahrerin.
Bis heute nicht bekannt: Bei den beiden Schweizern handelt es sich um entwichene Straftäter aus dem MZU. Sie waren während eines Spaziergangs abgehauen.
SRF Investigativ weiss auch, dass einer der beiden Maserati-Jungs nur eine Woche später beim Ausbruch übers Dach dabei war. Nach diesen beiden Vorfällen entkam er noch zwei Mal. Insgesamt also vier Mal – zuletzt im Juni 2026. Öffentlich bekannt wurden diese Vorfälle bislang nicht.
Um dem erhöhten Aggressions- und Fluchtpotential der jungen Straftäter gerecht zu werden, verschärfte das MZU 2024 seine Sicherheitsvorkehrungen. Dennoch gelangte laut Informationen von SRF Investigativ ein junger Mann im Januar 2025 aufs Dach. Der Fluchtversuch wurde zwar gestoppt – der Vorfall zeigt jedoch die anhaltend angespannte Lage. Mehrere Quellen führen das auf den unterbesetzten Sicherheitsdienst sowie anderen offenen Stellen zurück. Und: auf die Führung des MZU-Direktors.
Kritik am Direktor
Carmelo Campanello, seit August 2023 im Amt, höre nicht auf seine Leute, lautet die schärfste Kritik. «Früher waren wir mit der Direktion mehr im Austausch», sagt eine Person, die anonym bleiben möchte. «Wir kommunizierten auf Augenhöhe. Jetzt schottet sich die Leitung ab.» Ein anderer Gesprächspartner sagt, der Direktor treffe Entscheidungen ohne Rücksprache mit Fachpersonen – oder gar gegen deren expliziten Empfehlungen, wie im Fall Omar. Interne Kritik werde klein geredet oder ignoriert.
Auch der Führungskurs des Direktors wird von aktuellen und ehemaligen Mitarbeitenden stark in Frage gestellt. Campanello setze bei den Klienten vermehrt auf Repression und Sanktionen statt auf Dialog – was viel Gegendruck erzeuge. Das könne für das Personal gefährlich werden.
Rund 25 Kündigungen in drei Jahren
Laut Informationen von SRF Investigativ haben seit Campanellos Amtsantritt vor drei Jahren rund 25 Mitarbeitende gekündigt, so etwa im Bereich Sicherheit, Schule und Zentrale Dienste. Die Unterbesetzung erhöht den Druck auf die verbleibenden Mitarbeitenden. Sie werden vermehrt krank oder fallen ganz aus.
Mehrere Gesprächspartner sehen dadurch auch die Sicherheit gefährdet. Die Begleitung verliere an Kontinuität – besonders in der internen Schule, die zusammen mit der Berufsbildung einen der drei Pfeiler des MZU bildet. Fast alle Lehrpersonen seien gegangen, die Jugendlichen würden aktuell nicht mehr ausreichend beschult. Wichtige Bezugspersonen fehlten. «Das löst Stress aus», sagt eine Person. «Stress muss man irgendwie abbauen – etwa durch Entweichung oder Gewalt.»
Das zuständige Amt widerspricht. Im MZU werde eine offene Gesprächskultur gepflegt. Die Fluktuation liege im branchenüblichen Bereich, bei der Lehrerschaft habe es eine Reorganisation gegeben: «Das MZU kommt seinem Grundauftrag nach. Es konnten jederzeit alle Schulstunden geleistet werden.»
Zu den Ausbrüchen aus dem geschlossenen Vollzug sagt das Amt, man habe die Sicherheit nach den Vorfällen von 2023 und 2024 optimiert. Der verhinderte Ausbruchversuch im Januar 2025 zeige, dass die Massnahmen griffen. Und: Nicht jeder Ausbruch sei eine Gefahr für die Öffentlichkeit. Die grosse Mehrheit der Straftäter werde innerhalb von 48 Stunden wieder aufgegriffen.
Bei Fluchten im Rahmen von Vollzugsöffnungen gebe es zu bedenken, dass das MZU gesetzlich verpflichtet sei, die Jugendlichen schrittweise auf die Resozialisierung vorzubereiten. Die Öffnungen seien von den Jugendanwaltschaften angeordnet.
«Zusätzliche Belastung fürs System»
In dieser angespannten Situation kommt seit März «eine zusätzliche Belastung fürs System» hinzu, wie es mehrere Personen formulieren. Gemeint ist das Pilotprojekt der Zürcher Justizdirektion für hochbelastete delinquierende Minderjährige. Sind diese in einer Institution nicht mehr tragbar, absolvieren sie im MZU neuerdings sogenannte «Time-outs». Mit diesen kurzen Auszeiten soll eine Versorgungslücke geschlossen werden: Aktuell gibt es zu wenig Plätze für herausfordernde junge Straftäter im geschlossenen Vollzug.
Indem die Minderjährigen eine Woche bis maximal drei Monate aufgenommen werden, kommt es zu einer Mischung mit jugendlichen Straftätern, die wegen einer Massnahme teils Jahre im MZU verbringen. Das führt laut Mitarbeitenden zu einer «schwierigen Dynamik». Auf den Wohngruppen und im Arbeitsbereich herrsche «massive Unruhe».
Das Pilotprojekt steht auch anderweitig unter Druck: Offenbar sind bereits mehrere Time-Out-Jugendlichen aus dem MZU entwichen, respektive kehrten nach einem Ausgang nicht zurück. In zwei Fällen mussten die Time-Outs abgebrochen werden.
Das zuständige Amt bestätigt, dass diese Klienten für das MZU und seine Mitarbeitenden eine zusätzliche Herausforderung sind. Aber: Man schliesse damit eine Lücke in der Versorgung.