Fast jeden zweiten Tag wird am Kinderspital Zürich ein Kind mit schweren Misshandlungen aufgenommen. Das Kispi meldete am Dienstag den traurigen Rekord. So ist im vergangenen Jahr die Zahl der bestätigten Kindesmisshandlungen auf 570 Fälle gestiegen – 40 Fälle mehr als noch im Vorjahr.
Auch Kinderschutz Schweiz beobachtet einen Anstieg von Gewalt in der Erziehung. Zusammen mit der Universität Freiburg macht die Stiftung seit sieben Jahren eine regelmässige Elternbefragung zum Bestrafungsverhalten. «Wir sehen, dass Gewalt in der Erziehung während der Coronapandemie zugenommen hat», sagt Regula Bernhard Hug, Direktorin von Kinderschutz Schweiz. Wenn Eltern gestresst seien, finanzielle oder gesundheitliche Sorgen hätten, würden sie eher dazu neigen, Gewalt in der Erziehung einzusetzen.
Das Verblüffende dabei: Auch nach der Pandemie sind die Zahlen weiter gestiegen. «Dieses Verhaltensmuster, das man sich damals angeeignet hat, haben viele beibehalten», sagt Bernhard Hug.
Reagieren, bevor es eskaliert
Doch wie können Eltern dieses Muster durchbrechen? Wichtig sei, dass man reagiert, bevor man die Kontrolle verliert, sagt Bernhard Hug. «Indem man beispielsweise seine Erziehungsmuster hinterfragt und beobachtet, wie man unter Druck reagiert.» Eltern können sich auch im Voraus Strategien überlegen. «Man kann sich fragen: Was hilft mir, damit ich noch zwei Sekunden bekomme, bevor es eskaliert?» Das könne ein Spaziergang an der frischen Luft sein, auf zehn zählen oder tief durchatmen.
Wichtig sei auch, dass man sich früh genug Hilfe hole. Kinderschutz Schweiz bietet unter anderem Elternbildungskurse an. Doch manchmal brauche es nur wenig, um eine Situation zu entschärfen, weiss Bernhard Hug. «Wenn beispielsweise die Nachbarin das Kind einmal bei der Kita abholt.»
Mehr Gewalt in schwierigen Phasen
Kommt es so weit, und ein Kind muss ins Spital eingeliefert werden, gibt es bereits einen langen Leidensweg. «Das passiert nicht aus dem Nichts», sagt Bernhard Hug. Dann seien die Eltern bereits in einer Gewaltspirale gefangen und hätten die Kontrolle verloren.
Insbesondere in schwierigen Phasen kann es zu mehr Gewalt in der Erziehung kommen. «Es gibt Risikofaktoren, die länder- und kulturübergreifend sind», sagt Bernhard Hug. Dazu gehören: finanzielle und wirtschaftliche Probleme, Paarbeziehungsprobleme und häusliche Gewalt, Wohnen auf engem Raum sowie gesundheitliche Probleme wie eine Suchtkrankheit.
Gewaltfreie Erziehung wird gesetzlich verankert
Die gewaltfreie Erziehung wird dieses Jahr im Zivilgesetzbuch rechtlich festgeschrieben. Der Ständerat hat in der Herbstsession 2025 die Verankerung angenommen. Für die Stiftung Kinderschutz Schweiz, welche sich seit über 40 Jahren dafür einsetzt, ist dies ein grosser Erfolg. «Als Gesellschaft haben wir uns darauf geeinigt, dass eine gewaltfreie Erziehung normal ist.» Bald gelten Ohrfeigen oder massive verbale Erniedrigungen nicht mehr als akzeptables Erziehungsmittel, sondern als Gewalt.
Gleichzeitig müssen die Kantone niederschwellige Beratungsstellen zur Verfügung stellen. «Dort können sich Eltern wie auch Kinder an unterstützende Angebote wenden», sagt Bernhard Hug.
Kinderschutz Schweiz hofft, dass dies auch mit einer Sensibilisierungskampagne begleitet wird, die der Bund angekündigt hat. «Damit die Angebote bekannt werden und Eltern wissen, wohin sie sich wenden können, wenn es zu Hause schwierig wird.»